Lebenslauf/Chronik: Geschichte - Daten - Episoden

zusammengestellt von Manfred Hill


Dieser „Lebenslauf“ enthält eine Vielzahl wichtiger Daten und Ereignisse aus der bald 200-jährigen Geschichte des Städtischen Musikvereins zu Düsseldorf und in seinen einführenden Erläuterungen zahlreiche Informationen über das frühe Musikleben und die Kulturgeschichte der Stadt Düsseldorf, die teilweise eng mit der Geschichte des Städtischen Musikvereins verknüpft sind.
Sämtliche Düsseldorfer Niederrheinischen Musikfeste finden sich hier mit ihren kompletten Programmen. Belegt durch viele Zitate und Briefe wird die Wirkungszeit der Düsseldorfer Musikdirektoren Felix Mendelssohn Bartholdy und Robert Schumann besonders ausführlich beschrieben und es sind die Daten aller künstlerischen Leiter des Chores, aller Musikdirektoren sowie aller Konzertreisen aufgeführt.
Des Weiteren sind alle Uraufführungen, viele Erstaufführungen und Konzerte zu besonderen Ereignissen benannt. Die Konzerte des Chores ab dem 1. 1. 1978 sind vollständig aufgeführt. Dazu findet der Leser Details und statistische Angaben aus dem Vereinsleben. Viele der Eintragungen enthalten Hintergrundinformationen zum jeweiligen Ereignis. Fast alle Bilder in diesem Lebenslauf sind mit einem Vergrößerungs-Tool versehen. Der größte Teil der Bilder unter der Überschrift „Was“ stammt aus den Beständen des Musikvereins, in anderen Fällen ist die Quelle benannt.
Eine lückenlose und tagesaktuelle Auflistung aller Chorkonzerte, Ur- und Erstaufführungen findet der Leser im Bereich „GALERIE“ auf der Internetseite des Chores (www.musikverein-duesseldorf.de). Die Daten aller Aufführungen von 1818 bis zum Jahre 2001 sind auch den Chronikbüchern I und II des Musikvereins (Rainer Großimlinghaus: Aus Liebe zur Musik) zu entnehmen. Diese Chronikbücher können über den Chor bezogen werden.
Name und Bild eines Dirigenten, der den Städt. Musikverein leitete oder eines Komponisten oder Dichters, der Namensgeber eines beschriebenen Kulturinstitutes ist wie der Internationalen Mendelssohn-Stiftung Leipzig, der Robert-Schumann-Gesellschaft Düsseldorf, der Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf, der Clara und Robert Schumann-Gedenkstätte Düsseldorf und dem Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf.
Stichwort „Stadtgeschichte“ oder „Stadtgeschichte / Vereinsleben“ und Wappen der Stadt Düsseldorf: Hier findet der Leser Ereignisse zur Stadtgeschichte, die Zeittafeln der Stadtgeschichte und Ereignisse aus dem Vereinsleben des Musikvereins, die stadtgeschichtliche Bedeutung hatten oder erlangten.
Stichwort „Vereinsleben“ und Wappen des Musikvereins: Hier findet man Ereignisse aus dem Vereinsleben des Musikvereins
Hier findet man alles über die Konzertsäle in den Gartenlokalen von 1818 bis 1853 und über die erste Tonhalle von 1853 bis 1892
Hier findet man alles über die Geschichte der alten Tonhalle von 1892 bis 1944
Hier findet man alles über die Geschichte des Planetariums am Ehrenhof von 1926 bis 1948, der Rheinhalle von 1948 bis 1978 und der neuen Tonhalle von 1978 bis heute
1971
11
November
1971
12
November
1971
Henryk Czyz

Henryk Czyz leitete eine Aufführung von Gioacchino Rossinis „Petite Messe Solennelle" mit einem hochrangigen Solistenensemble:
Jessye Norman (Bild), Carol Smith, John Mitchinson, José van Dam
David Seaman an der Orgel
Städt. Musikverein zu Düsseldorf
(Einstudierung: Hartmut Schmidt)
Düsseldorfer Symphoniker
Rheinhalle Düsseldorf

1977
31
Dezember
1977
Stadtgeschichte/ Vereinsleben

Um die Internationalität und die Bedeutung der Konzerte herauszustellen, findet der Leser nachfolgend eine Aufstellung der international tätigen Solisten (Auswahl von 1945 bis 1977) mit dem dahinterstehenden Jahr des Auftritts zum Stande von 1977:

Theo Adam (1963/1965), Elly Ameling (1966),Sheila Armstrong (1969),
Kim Borg (2x1957/2x1958/1962), Lisa Della Casa (1952),
Helen Donath (1971/1973/1974/1975/1977), Heinz Drache(Sprecher) (1950),
Kieth Engen (1964/2x1967/1973), Brigitte Fassbaender (1973),
Dietrich Fischer-Dieskau (2x1951/1971/1977),
Nicolai Gedda (3x1961/1973),Sylvia Geszty (2x1973)
Agnes Giebel (1953/1956/1957/1958/2x1959/3x1960/3x1961/1962/2x1963/2x1964/2x 1965/2x1966/1967/2x1969/2x1970/2x1972/2x1974)
Josef Greindl (1951/1953/1958/2x1963), Angeles Gulin (2x1968/1971),
Ernst Haeflinger (1958/1967), Heather Harper (1974/1975/1977),
Thomas Hemsley (1971), Marga Hoeffgen (1957/1966/2x1967/1974)
Hans Hopf (Bild) (1952), Ilse Hollweg (1951/2x1956),
Werner Hollweg (1970/1971/1973/1976/1977),
Leonore Kirchstein (1957/1960/1963/1964),
Helmut Krebs (1945/1946/1947/2x1958/2x1960/1962)
Walter Ludwig (1947), Jane Marsh (1970/1972),
Edith Mathis (2x1961/1967/1969),
Nan Merriman (1955/2x1958/1964), Martha Mödl (1946/1947/1948/2x1949),
Kurt Moll (1970), Edda Moser (1970/1973), Jessye Norman (1971),
Peter Pears (1966), Hermann Prey (1962), Norma Procter (1966/1968/1970/1971),
Karl Ridderbusch (1968/1970), Irmgard Seefried (1952),
Karl Schmitt-Walter (1950), Hanna Schwarz (1976/1977),
John Shirley-Quirk (1969), Maria Stader (1955/1958/1959),
Set Svanholm (1955), Hertha Töpper (1965), Ragnar Ulfung (1963),
José van Dam (1971), Otto Wiener (1959) Lawrence Winters (1965),
Teresa Zylis-Gara (1966/1968/1970/1971)

1978
13
Juli
1978
Jean Claude Casadesus

Musikfest = Aix-en Provence - Festival Aix-en-Provence

Konzertreise nach Vaison-la-Romaine und Aix-en-Provence:

1. TV-Produktion / Festival Aix-en-Provence mit der „Messa da Requiem" von Verdi mit Raina Kabaivanska, Nadine Denize, Carlo Bergonzi und Ruggero Raimondi (Bass in Vaison und Aix) und José van Dam (Bass in Aix am 16. 7.).
Städt. Musikverein zu Düsseldorf
(Einstudierung: Hartmut Schmidt)
Orchestre Philharmonique de Lille

Erster Kontakt mit Maestro Jean-Claude Casadesus. Daraus entwickelte sich im Laufe der Zeit ein herzliches Verhältnis. Viele großartige Ereignisse konnte der Chor mit diesem bedeutenden Dirigenten realisieren.

Vor dem Konzert gab es technische Probleme bei den TV-Leuten und endloses Warten auf dem Podium (Das Publikum sang „Frère Jacques ...."), bei Konzertbeginn ein heulender Hund in der Ebene von Vaison. So mussten die ersten Takte nach dem Konzert für die Fernsehaufzeichnung wiederholt werden.

Bild: Der Fernseh-Set während des Konzertes

16
Juli
1978
17
Juli
1978
Jean-Claude Casadesus

Musikfest = Aix-en Provence - Festival Aix-en-Provence

Konzertreise nach Aix-en Provence (Festival):
Giuseppe Verdi: „Messa da Requiem"
Besetzung fast wie in Vaison-la-Romaine:
Raina Kabaivanska (Bild), Nadine Denize, Carlo Bergonzi und Ruggiero Raimondi (16.7.: Jose van Dam)
Städt. Musikverein zu Düsseldorf
(Einstudierung: Hartmut Schmidt)
Orchestre Philharmonique de Lille
Cathédrale Saint-Sauveur, Aix-en-Provence

17
Juli
1978
Jean Claude Casadesus

Musikfest = Aix-en Provence - Festival Aix-en-Provence

Konzertreise nach Aix-en Provence (Festival):
Giuseppe Verdi: „Messa da Requiem"

Aus dem Begleitheft zur Schallarchiv-CD:
Die Einladung zum Festival AIX-EN-PROVENCE 1978 führte den Chor des Städtischen Musikvereins erstmals an eines der ganz großen und bedeutenden internationalen Musikfestspiele Europas; eine Konzertreise, die verbunden war mit einer Fernseh-Produktion im historischen Théâtre Antique von Vaison-la-Romaine, sowie zwei Aufführungen in der Kathedrale von Aix. Die Besetzung der Soli war mit vier damaligen Weltstars so luxuriös, wie man es sich im heimatlichen Düsseldorf nie hätte vorstellen mögen. Auch im Umfeld der übrigen Konzerte, Liederabende und Opernaufführungen fanden sich Namen wie Christa Ludwig, Herman Prey, Teresa Berganza, Janet Baker, José van Dam, Jessye Norman, Paul Esswood, Robert Lloyd und Maurice André. Erst zwei Jahre zuvor hatte Jean-Claude Casadesus das Orchestre Philharmonique de Lille gegründet, und im Laufe der Jahre soweit vorangebracht, dass im März 1982 –wieder unter Mitwirkung des Musikvereins und ebenfalls mit Verdis Requiem- das Orchester im Théâtre Châtelet, Paris zum Nationalorchester erhoben.
Bild: Ruggiero Raimondi

19
Juli
1978
Vereinsleben: Bewegte Zeiten – Rückblick auf die Konzertreise nach Aix und Vaison

Vom 13. Juli bis zum 18. Juli befand sich der Musikverein auf Konzertreise zum Fstival Aix en Provence (Schallarchiv Vol. 12) mit einem zusätzlichen Konzert in der römischen Arena von Vaison-la-Romaine. Was war das für ein Ereignis. Ich versuche aus meinen Erinnerungen hier nochmals einige Dinge zusammenzufassen.

Hin- und Rückfahrt:

Mit einem Sonderzug der Deutschen Bundesbahn ging es nach Aix en Provence auf Einladung des Festivals und von Jean-Claude Casadesus. Maestro Casadesus hatten einen großen Ruf in Frankreich, war ein junger aufstrebender Dirigent mit einem in Frankreich sehr berühmten Vater. In Lille baute er das Orchester auf und führte es in den langen Jahren seines Wirkens bis zum Titel des Nationalorchesters.

Der Sonderzug gestaltete sich als komfortable Form des Reisens in die Provence zumal die Kommunikation im Chor dadurch sehr begünstigt wurde. Allüberall gab es Abteilfeste schon auf der Hinfahrt, von der Rückfahrt nach so überaus erfolgreichen Konzerten ganz zu schweigen.

Aix en Provence:

In Aix angekommen, Zimmer bezogen und sofort in die Stadt marschiert. Begierig saugten wir alle die wunderbare Festival-Atmosphäre auf, ergingen uns in den beeindruckenden Allee-Straßen der Innenstadt und übernahmen sofort das französische Savoir-vivre. Die vielen fröhlichen Menschen und die wirklich unvergleichliche Atmosphäre machten uns diesen Schritt leicht.

Am nächsten Tag ging es sofort in die Kathedrale zur Probe zu Verdis "Requiem". Auch hier ein unvergleichliches Erlebnis mit den größten Solisten der damaligen Zeit zusammenarbeiten zu dürfen. Raine Kabaiwanska, Nadine Denize, Carl Bergonzi und José van Dam und zusätzlich noch Ruggiero Raimondi für das zweite Aix-Konzert und das Konzert in Vaison.

Ein weiterer Punkt für den Zusammenhalt war die Tatsache, dass fast der gesamte Chor in einem Hotel wohnte und die Solisten ebenfalls dieses Hotel bewohnten. Jeden Morgen fand ein reger Austausch beim Frühstück mit diesen großartigen Musikern statt. Besonders Carlo Bergonzi war sehr zugänglich und lud den ein oder anderen an seinen Frühstückstisch ein.

Vaison la Romaine:

Das dortige Konzert im römischen Theater war ebenfalls ein großer Aufreger. Es handelte sich um die erste reine Fernsehproduktion an der der Musikverein teilnehmen durfte. Proben und Konzert entwickelten sich zum wirklichen Ereignis. Bei der ersten Probe in der antiken Arena, die mehr als 3.500 Plätze hat, brach die hintere Reihe des Chorpodiums zusammen und die Altistinnen und die Bässe fanden sich eine halbe Etage tiefer wieder. Probenabbruch, Reparatur und Probenfortsetzung alles mit aufgeregten Leuten beim Produktionsteam wie auch bei Orchester, Solisten und Dirigent.

So sah es aus bei der Orchesterprobe. Direkt danach war die Generalprobe angesetzt mit genauer Positionierung der Solisten für die Fernsehaufnahmen und die TV-Schnitte. Was geschah: Kabaiwanska, Bergonzi und Raimondi weigerten sich zu singen. Es gab irgendwelche, für uns nicht erkennbare, Gagendiskussionen. Wieder große Aufregung da das Fernsehen die Solisten brauchte. Casadesus stellt die Frage an den Chor "Wer kann Sopran, Tenor und Bass übernehmen, da die Altistin, Nadine Denize vor Ort war. So stellten sich Ingeborg Sluzallek als Kabaiwanska, Kunibert Jung als Bergonzi und Andres Schmidt als Raimondi zur Verfügung und sangen alle Solopartien des Verdi-Requiems. Man kann sich vorstellen, wie sich nach der GP der Jubel für die Chorsängerin und die Chorsänger gestaltete. Für Andres Schmidt war dies der erste öffentliche Auftritt und der Beginn einer großartigen Sängerkarriere.

Nun könnte man meinen, wenn die Solisten ihre Gagenprobleme gelöst haben kann das Konzert stattfinden. Weit gefehlt! Der Chor ging nach der GP in zugewiesene Räume und zog sich um zum Konzert. Dann marschierten alle so etwa fünfhundert Meter in Konzertkleidung zur Arena zum Einsingen und zur Konzertvorbereitung. Die Plätze auf dem Podium füllten sich ganz langsam. Just in diesem Moment kamen fünf Damen aufgeregt auf mich zu und berichteten, dass drei Damen ihre Stolen und zwei ihre Noten im Bus liegengelassen haben. Oh Schreck! Fernsehauftritt und drei Damen ohne Stolen, um die wir doch so sehr gerungen haben (siehe Beitrag von 27.4.1978). Ich sauste im Smoking die 500 m zurück zu den Bussen und fand verschlossene Busse vor. Dann lief ich in die umliegenden Lokale und suchte die Fahrer - ergebnislos! Dann zurück zu dem Bus, den die fünf Damen mir beschrieben hatten. Ein Klappfenster stand auf, ich schlug es ein und hangelte mich Kopfüber in den Bus, wobei mir das Klappfenster immer in den Rücken und auf die Beine schlug. Aber ich fand die Stolen und die Noten und verließ den Bus auf dem gleichen Wege. Alles im Smoking und unter Zeitdruck, denn der Konzertbeginn rückte immer näher. Im Dauerlauf lief ich die 500 m zurück zum antiken Theater, lieferte die Utensilien an die glücklichen Damen ab und stellte fest, dass ich bei den südfranzösischen 30 Grad am Abend in meinem Smoking völlig durchnässt war. An der Seite neben der Bühne war ein Wasserkranen, den steckte ich hinter meinen Hemdkragen und ließ das Wasser laufen. Völlig nass und überall tropfend, aber glücklich, nahm ich meinen Platz ein und wartete auf den Konzertbeginn.

Dieses Warten betraf nicht nur mich, sondern uns alle und auch das Publikum. 20.00 Uhr waren erreicht und niemand rührte sich. Das Fernsehen hatte Probleme mit einem quietschenden Fahrgestell für die Umlaufkamera. Es dauerte und dauerte bis das Publikum sich selbst unterhielt und "Frere Jacques" sang. Der Chor stimmte ein. Nach mehr als 30 Minuten Verzögerung kam der Maestro und es konnte losgehen.

Es begann das wunderbare Vorspiel vor unserem ersten gehauchten "Requiem-Einsatz", den wir sehr schön präsentierten. Nach diesem ersten Choreinsatz heulte ganz tief im Tal von Vaison la Romaine ein Hund wirklich herzergreifend. Das Konzert lief weiter und wurde zu einem grandiosen Erfolg. Nach dem Konzert musste jedoch der Anfang nochmals widerholt werden, weil man dem Hund den Auftritt nun doch nicht gönnte. Auch hierüber war das Publikum begeistert und verharrte für die Wiederholung auf seinen Sitzen. Danach war in den Kneipen von Vaison ziemlicher Betrieb.

Erinnerungen von Manfred Hill im Mai 2021

Bild: Vaison la Romaine - antikes römisches Theater - Fernsehproduktion -Verdi: Requiem, Jean Claude Casadesus

1986
16
Juni
1986
Jacques Mercier

Konzertreise nach Saint-Denis, Paris:
Festival Saint-Denis 1986
Saint-Denis, Paris

Aus dem Begleitheft zur Schallarchiv-CD:
Das Festival von Saint-Denis hat seit Jahrzehnten eine herausragende Bedeutung im musikalisch-kulturellen Jahreszyklus Frankreichs. 1986 stand dieses Festival ganz im Zeichen von Gustav Mahler. Künstler aus aller Welt wie Seiji Ozawa, Vaclav Neumann, Jessye Norman, Barbara Hendricks oder José van Dam verliehen den Aufführungen in ganz besonderem Maße Authentizität und Glanz. Der Chor des Musikvereins konnte es sich somit zur Ehre anrechnen, in einem solchen Rahmen eingeladen zu werden, zumal er sich mit der doch seltener gespielten, vollständigen (also 3-teiligen) Fassung des „klagenden Liedes“ präsentieren durfte.
Leider konnte für dieses Konzert kein offizieller Medienpartner in Gestalt einer Rundfunkanstalt gewonnen werden; umso dankbarer darf man sein, dass das Orchestre d‘Ile de France –auf Drängen des Chores- unbürokratisch und hilfsbereit einen semi-professionellen Mitschnitt organisierte. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang, dass lediglich 2 (!) Kugelmikrofone vor dem Orchesterpodium postiert ein erstaunlich gutes und stimmungsvolles Ergebnis produzieren konnten. Natürlich ergibt sich hieraus eine sehr direkte Präsenz der Solisten und ein gewisses Übergewicht der Streicher. Dass der Chor wie auch das Fernorchester etwas sehr in den –akustischen- Hintergrund gedrängt werden, ist sicher auch den riesigen Dimensionen des Kathedralraumes zuzurechnen.

Bild: Glückliche Chefs nach dem Konzert v.l. Hartmut Schmidt, Kunibert Jung und Jacques Mercier

1988
02
Juni
1988
05
Juni
1988
David Shallon

Hector Berlioz: „La Damnation de Faust"
Marta Senn, Jon Garrison, José van Dam (Bild), Peter Christoph Runge)
Städt. Musikverein zu Düsseldorf
(Einstudierung: Hartmut Schmidt)
zusammen mit der Wuppertaler Kurrende unter Heinz Rudolf Meier
Düsseldorfer Symphoniker
Tonhalle Düsseldorf

1990
06
Juni
1990
09
Juni
1990
Jean-Claude Casadesus

Musikfest = Saint Denis - Festival de Saint Denis

Konzertreise nach Paris und Lille
Berlioz: „La Damnation de Faust"
Martine Dupuy, Gerard Garino, José van Dam, John-Paul Bogart
Städt. Musikverein zu Düsseldorf
(Einstudierung: Hartmut Schmidt)
Orchestre National de Lille
Festival de Saint-Denis
Épinay-sur-Seine/Théâtre des Champs-Élysées, Paris
Palais Saint-Sauveur, Lille
Bild: Mitglieder des Musikvereins (Annebärbel Bierbach, Brigitte Schramm, Georg Fleischauer und Günter Pulm) entspannt während einer Probenpause.

1996
12
September
1996
15
September
1996
James Conlon

Musikfest = Köln - 600 Jahre Verbundbrief Festkonzert für das Kölner Handwerk - 15. September 1996 - (10 Jahre Kölner Philharmonie)

Konzertreise nach Köln:
12. September 1996

Richard Wagner: Die Meistersinger von Nürnberg
-konzertante Aufführung-

Jose van Dam - Hans Sachs
Heinz Kruse - Walther von Stolzing
Carola Höhn - Eva Pogner
Andrea Andonian - Magdalena
John Aller - David
Kristinn Sigmundsson - Veit Pogner
Eike Wilm Schulte - Sixtus Beckmesser
Salvatore Champagne - Kunz Vogelgesang
Klaus Bruch - Konrad Nachtigall
Alfred Kuhn - Fritz Kothner
Ulrich Hielscher - Hermann Ortel
Martin Finke - Balthasar Zorn
Werner Sindemann - Augustin Moser
Haig Hartmann - Ulrich Eisslinger
Bernd Riedel - Hans Foltz
Johann Smari Saevarsson - Hans Schwarz
Andrew Collis - Ein Nachtwächter

Opernchor und Extrachor der Bühnen der Stadt Köln
Einstud.: Albert Limbach
Gürzenich Chor der Stadt Köln
Einstud.: Michael Reif
Der Städtische Musikverein zu Düsseldorf
Einstud.: Raimund Wippermann
Gürzenich-Orchester/Kölner Philharmoniker
Ltg.: James Conlon (Bild)
Philharmonie Köln

Der Musikverein und der Gürzenich-Chor sangen in der Festwiesenszene in Straßenkleidung von Publikumssitzen im Saal aus und überraschten die Zuhörer. Ein begeistert aufgenommener Einfall von James Conlon.

2003
27
Juni
2003
30
Juni
2003
John Fiore

Hector Berlioz: „La Damnation de Faust"
Kristina Hammarström, Donald Kaasch, Philip Skinner, José van Dam (Bild),
Städtischer Musikverein zu Düsseldorf
Chor der Konzertgesellschaft Wuppertal
(Einstudierung: Marieddy Rossetto)
Knabenchor der Wuppertaler Kurrende
(Einstudierung: Heinz Rudolf Meier)
Düsseldorfer Symphoniker - Tonhalle Düsseldorf

Aus dem Begleitheft zur Schallarchiv-CD:
Als der Verfasser dieser Zeilen in den siebziger Jahren anlässlich der Berliner Festwochen den Dirigenten Seiji Ozawa traf, kam das Gespräch auch auf „La Damnation“. Die Frage „Wie viel Chormitglieder er sich für dieses Stück vorstelle, antwortete er nur „….für das Pandemonium: Hunderte!“ Der Städtische Musikverein hatte seit 1982 eine Konzertreise durch die damalige Deutsche Demokratische Republik vorbereitet, auf deren Programm 1989 für Berlin und Leipzig auch „La Damnation“ stand ( Schallarchiv, Vol 23 ); seinerzeit reiste der Chor mit einer Konzertstärke von 160 (!). In Düsseldorf des Jahres 2003 waren die substanziellen Voraussetzungen deutlich andere: Nach mehrfachem Chorleiter- und Vorstandswechsel stand man auch bei den Chormitgliedern mitten in einem Generationswechsel, sodass sich um die Jahrtausendwende der Musikverein mit ca. 100 aktiven Sängerinnen und Sängern deutlich dezimiert auf dem Podium präsentierte.
Eine mehr als glückliche Fügung war es da, als mit der neuen Chorleiterin Marieddy Rossetto eine künstlerische Persönlichkeit zur Verfügung stand, die nicht nur eindrucksvoll den „Wiederaufbau“ des Chores vorantrieb, sondern auch den Chor der Konzertgesellschaft Wuppertal in gleicher Funktion betreute. Ein schönes Beispiel der sich aus dieser Ämter-Koexistenz in Person der gemeinsamen Chorleiterin erwachsenen gegenseitigen Ergänzung im Falle von Großprojekten stellt die hier dokumentierte Aufzeichnung dar, auch wenn aus aufnahmetechnischer Sicht sehr zu bedauern ist, dass ausgerechnet das José van Dam stützende Mikrofon im 2.Teil der Aufführung seinen Dienst versagte…

2012
30
Dezember
2012
Bewegte Zeiten – David Shallon in Düsseldorf – Erinnerungen von Elisabeth von Leliwa

David Shallon in Düsseldorf - Einige persönliche Erinnerungen

Mit Gustav Mahler eröffnete und schloss David Shallon seine sechs Spielzeiten als Chefdirigent der Düsseldorfer Symphoniker: Am 17. September 1987 führte er Mahlers musikalische Antwort auf Nietzsches „Fröhliche Wissenschaft“, die abendfülllende Dritte Symphonie, zu einem umjubelten Erfolg. Am 13. Juni 1993 verabschiedete er sich mit Mahlers schwärzestem Werk vom Düsseldorfer Publikum: der Sechsten Sinfonie mit ihren vernichtenden Hammerschlägen. Ein programmatischer Kreis war geschlossen, eine (fast) zyklische Aufführung von immerhin sechs Mahler-Sinfonien vollendet.

Energie

Erstmals begegnete ich David Shallon während der unmittelbaren Vorbereitungen zur Spielzeit 1987/88: ein schneller, agiler Mensch, der wusste, was er wollte, und auch keine Angst davor hatte es einzufordern. Gleichzeitig vermittelte er eine ungeheure Vorfreude auf seine neue Aufgabe. Ich hatte erst wenige Wochen zuvor, frisch von der Universität kommend, in Düsseldorf meine erste feste Stelle als Dramaturgin und Mitarbeiterin im Orchesterbüro angetreten. David Shallon behandelte nicht nur den Intendanten, den Orchestervorstand oder die Konzertmeister auf Augenhöhe, sondern alle, die für das Orchester oder die Tonhalle Düsseldorf arbeiteten. So sah er auch mir etliche grobe Anfängerfehler ohne großes Aufheben nach. Erst später begriff ich, dass er zu einer neuen Generation, einem neuen Dirigenten-Typ zählte: Kein „Maestro“ im affektierten Sinne, sondern ein leidenschaftlicher Arbeiter für die Musik. Seine Lust am Musizieren, seine Freude an der Vielfalt des musikalischen Repertoires und nicht zuletzt sein Respekt vor den Menschen, mit denen und für die er musizierte, machten die besondere Energie aus, die er zu den Düsseldorfer Symphonikern, dem Chor des Städtischen Musikvereins und zum Düsseldorfer Publikum brachte.

Tatsächlich war die Spielzeiteröffnung am 17. September 1987 David Shallons Debüt in Düsseldorf. Er hatte das Orchester niemals zuvor dirigiert, sondern war eine Empfehlung von Dr. Peter Girth, der seit 1986 die neu eingerichtete Stelle des Düsseldorfer Orchesterintendanten innehatte. Eine Düsseldorfer Delegation aus Orchester und Kulturpolitik hatte David Shallons Konzerte u.a. in Frankfurt besucht und sich für ihn als neuen Chefdirigenten entschieden. Man erhoffte sich einen Aufbruch und ein neues Kapitel in der Düsseldorfer Orchestergeschichte – Herausforderungen, die David Shallon gerne annahm.

Doch in meinen Augen ist es charakteristisch, mit welch großer Geste er seinem Vorgänger Bernhard Klee, der zehn Jahre die Geschicke des Orchesters und der Tonhalle bestimmt hatte, Respekt zollte. Klee hatte sich in seinen Programmen konsequent auf die erste und zweite Wiener Schule von Haydn bis Schönberg und auf die französische Moderne von Debussy bis Messiaen fokussiert und mit Mahlers Zweiter Sinfonie („Auferstehung“) von Düsseldorf im Juni 1987 verabschiedet. David Shallons Debüt mit Mahlers Dritter nahm diesen Staffelstab bewusst – selbstbewusst und bescheiden zugleich – auf. Die folgenden Konzerte und Spielzeiten brachten jedoch unmittelbar den erhofften „frischen Wind“ in das Repertoire der Düsseldorfer Symphoniker.

Vielfalt

 „Wie das vorliegende Konzertprogramm bezeugt, liegt es mir besonders am Herzen, gemeinsam mit dem Orchester das Repertoire zu erweitern und dem Publikum ein vielfältiges und attraktives Programm zu bieten. Um die natürliche Neugier des Düsseldorfer Publikums zu befriedigen, will ich so viele Stilrichtungen wie möglich aufgreifen und Wiederholungen gleicher Komponisten vermeiden. Man wird neben den Standardwerken der Konzertliteratur auch weniger bekannten Werken großer Komponisten sowie einigen neuen Namen begegnen. … Unsere musikalische Reise wird uns in dieser Spielzeit über vier Jahrhunderte vom Venedig des Giovanni Gabrieli bis zum heutigen Polen des Krzysztof Penderecki führen. Dies ist, glaube ich, der beste Weg, dass Orchester und Dirigent einander kennenlernen und sich gemeinsam weiterentwickeln.“  

Ein klares Ziel, das David Shallon im Vorwort zur seiner ersten Jahresvorschau 1987/88 ohne große Umschweife formulierte: attraktive Vielfalt. Und er hielt es ein. Er hatte die Programme der Düsseldorfer Symphoniker nach dem Zweiten Weltkrieg genau studiert – und ich erinnere mich noch sehr gut an die Überraschung, ja die Ungläubigkeit, mit der er auf blinde Flecken im Repertoire gestoßen war. Diese betrafen vor allem die britische und die amerikanische Musik, die aktuelle KomponistInnen-Szene, aber auch die französische Romantik.

Insgesamt sind über hundert Düsseldorfer Erstaufführungen in den von David Shallon verantworteten sechs Spielzeiten zu finden. Er selbst dirigierte Schlachtrösser der zeitgenössischen Musik wie Henzes Siebte Sinfonie oder Gubaidulinas „Stimmen … verstummen …“, aber auch sehr überraschende Düsseldorfer „Premieren“ wie das Violinkonzert von Elgar oder die Maurerische Trauermusik von Mozart, die nie den Weg in die Abonnementkonzerte der Düsseldorfer Symphoniker gefunden hatten. Ganze Aufführungszyklen widmete er Komponisten, die damals aus einer intellektuell-puristischen Perspektive weniger wertgeschätzt wurden: Benjamin Britten, Edward Elgar, Hector Berlioz und Igor Strawinsky. Ein besonderes Herzensanliegen war ihm die Aufführung der drei Sinfonien seines Mentors Leonard Bernstein.

Gemeinsam mit Girth, der als ehemaliger Intendant der Berliner Philharmoniker über hervorragende Kontakte (die damals noch per Telefon und Telex liefen) verfügte, konzipierte er eine Serie, in der weltberühmte Komponisten eigene Werke dirigierten: Krzysztof Penderecki (1988), Witold Lutoslawski (1989), Mauricio Kagel (1989), Cristóbal Halffter (1990), Hans Werner Henze (1992, wegen der Erkrankung des Komponisten dirigiert von Christopher Keene), Peter Maxwell Davies (1992) und außerdem Maxim Schostakowitsch mit Musik seines Vaters Dmitri (1991), die nach dem Ende des Kalten Krieges ihren endgültigen Siegeszug in den westlichen Konzertsälen antrat.

Überraschend erscheint in diesem Zusammenhang, dass sich in all diesen Programmen nur zwei Uraufführungen finden: die Sinfonie „Janusz Korczak“ des Düsseldorfer Komponisten Oskar Gottlieb Blarr (1992) und Claude Debussys (als vierhändiges Klaviermanuskript erhaltene) Jugend-Sinfonie h-moll in der Orchestrierung von Noam Sheriff. David Shallon setzte einen anderen Schwerpunkt: die Vielfalt des vorhandenen Repertoires im 20. Jahrhundert dem Publikum überhaupt erst zugänglich zu machen. Dabei wollte er die Konzertbesucher jedoch nicht überfordern. Ein Beispiel: Für den November 1989 war der Grandseigneur der polnischen Musik, Witold Lutoslawski, eingeladen worden, eigene Werke bei den Düsseldorfer Symphonikern zu dirigieren. Um das Publikum mit diesem Komponisten vertraut zu machen, dirigierte David Shallon in der Spielzeit zuvor dessen mitreißendes „Konzert für Orchester“, ein frühes Werk aus dem Jahr 1954. Als eine prägnante Akkord-Sequenz kurz nach Beginn des Stücks erklang, ging ein merkliches Raunen und Staunen durch die Sitzreihen der Tonhalle: Vielen HörerInnen waren diese Takte als Eröffnungsfanfare des „ZDF-Magazins“ bestens bekannt – ein Effekt, den David Shallon bewusst einkalkuliert hatte, um die Akzeptanz dieses unbekannten Werks eines zeitgenössischen Komponisten zu fördern.

Einmal verlief es aber genau umgekehrt: Mein Dramaturgen-Kollege Uwe Schendel und ich waren begeistert von der Idee, Henzes Siebte Sinfonie, die David Shallon 1985 und 1986 bereits bei den Orchestern des Bayerischen und des Westdeutschen Rundfunks dirigiert hatte, auch in Düsseldorf aufzuführen. Er war zunächst zögerlich und unsicher, ob es nicht „zu früh“ sei, dieses anspruchsvolle Werk in den Spielplan aufzunehmen. Am Ende siegte David Shallons (reichlich vorhandener) Mut zum Risiko: Im September 1989 kam das Werk – publikumswirksam gekoppelt mit Tschaikowskys Violinkonzert – zur Aufführung. Als Hans Werner Henze knapp drei Jahre später sein symphonisches Portraitkonzert in Düsseldorf besuchte, standen wesentliche kürzere und zugänglichere Kompositionen auf dem Programm.

Aber auch im scheinbar bekannten 19. Jahrhundert achtete David Shallon auf neue Perspektiven, ohne das Bekannte, die populären „Standardwerke“ zu vernachlässigen. Eines meiner beeindruckendsten Konzert-Erlebnisse überhaupt waren die Aufführungen von Berlioz‘ „Symphonie fantastique“ im Juni 1989 – sicherlich eine der meist gespielten romantischen Sinfonien, auch in Düsseldorf. Aber David Shallon koppelte sie mit der Fortsetzung, die Berlioz dazu komponiert hatte: „Lélio ou le retour à la vie“, ein (wie man heute sagen würde) multimediales Melodram, das so gut wie nie im Konzertsaal erklingt. David Shallon wagte es sogar, den gesamten dazugehörigen Text auf Französisch deklamieren zu lassen. Und so durfte das Düsseldorfer Publikum nicht nur eine absolute musikalische Rarität erleben, sondern die Rezitationskunst des französischen Schauspielers Paul-Emile Deiber bestaunen, der auswendig und ohne Mikrofon Berlioz’ autobiografische Reflexionen im Kuppelsaal der Tonhalle zum Leben erweckte.

Spannung

Eine Novität ganz anderer Art waren für die Düsseldorfer die symphonischen Karikaturen von Gerard Hoffnung, die David Shallon in seinem ersten Neujahrskonzert 1988 präsentierte. Während wir in den Wochen davor im Orchesterbüro damit beschäftigt waren, für den Neujahrsmorgen zwölf (!) ausgeschlafene Bühnentrompeter für die „Ouvertüre Leonore Nr. 4“ zusammenzutrommeln (am Ende rettete uns die Trompetenklasse der Kölner Musikhochschule), gelang es David Shallon und Peter Girth, Düsseldorfer Prominenz wie Gabriele Henkel und Hete Hünermann, den damaligen japanischen Generalkonsul Tsuyoshi Kurokawa und den Kulturdezernenten Bernd Dieckmann als hochkarätiges Solistenquartett mit konzertierenden Staubsaugern auf die Bühne dieses „Hoffnung“-svollen Neujahrskonzerts zu bringen.

Die gute Stimmung des Saisonstarts sollte jedoch nicht lange anhalten. Peter Girth hatte als Intendant der Düsseldorfer Symphoniker auch den Auftrag, das gesamte städtische Konzertleben neu aufzustellen – und er tat dies in dieser ersten Saison 1987/88 mit einem Paukenschlag: mehr als 40 zusätzliche Konzerte unter dem Motto „Jugend + Neue Musik“, ein weites Spektrum von Kinderkonzerten über französische Barockmusik, Haydnsche Kammermusik bis zum Jazz und zur Neuen Musik. (1988 lag in dieser Serie ein programmatischer Schwerpunkt auf der sogenannten „Entarteten Musik“ und der Rekonstruktion der gleichnamigen Ausstellung von 1938 in Düsseldorf.) Für David Shallon stand das Orchester voll und ganz im Zentrum seiner Aufmerksamkeit – für den Intendanten konnte es nur ein Teil seiner Arbeit sein. Peter Girth wurde oft Arroganz vorgeworfen – eine Charaktereigenschaft, die ich persönlich nie an ihm erlebt habe, sondern im Gegenteil eine große, kreative Offenheit. Aber er konnte sehr ironisch werden und sagte unverblümt seine Meinung. Bald wurden die ersten Unstimmigkeiten zwischen Intendant und Chefdirigent zumindest für uns Mitarbeitende sichtbar.

Im Juni 1988 kam es zum ersten großen Eklat: Wir probten die Aufführung von Berlioz’ „La damnation de Faust“, Girth befand sich auf Dienstreise in Salzburg und am Tag vor der Premiere erkrankte der Tenor. David Shallon war außer sich, dass der Intendant während einer so wichtigen Probenphase nicht im Hause war – und dann packte er einfach mit an, wie es seine Art war: Nach der Abendprobe telefonierten wir anhand unserer Adresslisten KonzertagentInnen, Sänger und Opernhäuser durch – und unser Glück war es, dass in den USA gerade der Arbeitstag begann. So wurden wir mit dem amerikanischen Tenor Jon Garrison fündig, der schnurstracks in den Flieger stieg und rechtzeitig zur Aufführung eintraf (wie übrigens auch der Intendant). Nach diesem Ereignis war das Vertrauensverhältnis zwischen Chefdirigent und Intendant nachhaltig beschädigt. Girth gelang es in Folge, sich auch mit der politischen Stadtspitze zu überwerfen; sachlich lag er richtig, diplomatisch falsch. Wie in Berlin verließ er auch die Düsseldorfer Intendanz abrupt und im Unfrieden – nach einem von David Shallon dirigierten Konzert zum 125-jährigen Jubiläum der Düsseldorfer Symphoniker im November 1989. (Von 1991 bis 1996 leitete Girth dann erfolgreich das Staatstheater Darmstadt.) Die Saison 1990/91 planten wir im Team: David Shallon, Hermann Backes (Cellist der Düsseldorfer Symphoniker und späterer Musikredakteur im MDR Leipzig), mein Kollege Uwe Schendel und ich. Eine von uns allen als sehr schön empfundene, aber auch arbeitsreiche Zeit.

Ab 1991 stand Freimut Richter-Hansen, der von Bühnenverein gekommen war, David Shallon als Intendant zu Seite. Während Girth sich durch Bravado ausgezeichnet hatte, arbeitete Richter-Hansen bedächtig und skrupulös: ebenfalls kein idealer Partner für den agilen, temperamentvollen Dirigenten. Bis heute bin ich der festen Überzeugung, dass das Zerwürfnis zwischen David Shallon und Peter Girth ein großer Verlust für das Düsseldorfer Musikleben gewesen ist – hätten diese beiden kreativen „Feuerköpfe“ eine Basis für die Zusammenarbeit gefunden, hätte der 1987 ersehnte Aufbruch nachhaltig gelingen, sich Düsseldorf zu einer wirklichen Musikmetropole entwickeln können.

Größe

Eine Düsseldorfer Besonderheit sind Qualität und Anspruch des Städtischen Musikvereins. Ihm war im 19. Jahrhundert die Anstellung so prominenter Musikdirektoren wie Felix Mendelssohn Bartholdy und Robert Schumann und nicht zuletzt auch die Gründung des städtischen Orchesters zu verdanken. In den 1970er Jahren hatte sich der Chor zu einem international gefragten Klangkörper entwickelt. So kam es auch zu der etwas skurrilen Situation, dass David Shallon „seinen“ Chor das erste Mal nicht in Düsseldorf, sondern in Jerusalem dirigierte: am 28. Dezember 1987 mit Orffs „Carmina burana“. Auch das zweite gemeinsame Programm fand „auswärts“ statt: Im Mai 1988 sang der Städtische Musikverein Berlioz‘ „La damnation de Faust“ in Helsinki, bevor einen Monat später die eben beschriebene turbulente Konzertwoche in Düsseldorf stattfand.

„La damnation de Faust“ wurde zu einem Schlüsselwerk für David Shallons Düsseldorfer Amtszeit – denn damit ging es auch im Mai 1989 auf Tournee in die DDR. Die Konzertreise war vom Städtischen Musikverein angeregt und über Jahre verhandelt worden. Aber erst jetzt realisierten sich die Pläne – während die Montagsdemonstrationen und die friedliche Revolution in vollem Gange waren. In einem zweiten Konzertprogramm standen die Zweite Sinfonie „Lobgesang“ von Felix Mendelssohn Bartholdy und die Missa sacra von Robert Schumann auf dem Tournee-Programm. Insgesamt dirigierte David Shallon zwei Konzerte im Schauspielhaus (heute: Konzerthaus) Berlin, einen Abend bei den Musikfestspielen im Dresdner Kulturpalast und drei Konzerte im Gewandhaus Leipzig. Alle Aufführungen wurden vom Rundfunk der DDR mitgeschnitten und in Kooperation mit dem WDR oder dem DLF produziert, das Eröffnungskonzert der Tournee sogar für das Fernsehen der DDR in Zusammenarbeit mit dem Westdeutschen Fernsehen, Köln – eine Großtat in außerordentlichen Zeiten.

Damals habe ich kaum begriffen, welche Bedeutung diese Tournee für David Shallon gehabt haben muss. Als Israeli einer deutsch-deutschen kulturellen Begegnung von solch hoher öffentlicher Sichtbarkeit vorzustehen, vor dem Kulturpalast in Dresden die israelische Flagge wehen zu sehen und nach dem ersten Leipziger Konzert beim Empfang Kurt Masur zu begegnen, geht weit über das persönliche Erleben von Stolz und Freude, ja selbst über die Musik hinaus. Diese Reise unter der Stabführung von David Shallon wurde zu einem Ereignis politischer Verständigung. Die Gesten auf Seiten der musikalischen Partner und des Publikums in DDR waren überwältigend und im Rückblick dürfen wir sie als Vorboten der Zeitenwende und des – bis dahin für unmöglich gehaltenen – Mauerfalls wenige Monate später deuten.

Respekt

Besonders in Erinnerung wird mir David Shallons Wertschätzung für die Menschen, mit denen er musizierte, bleiben. Ich glaube, dass er sich sehr stark als aktiver Teil einer großen musikalischen Tradition identifiziert hat. Selbst ein hervorragender und passionierter Geiger, lud er eine Legende wie Ivry Gitlis zu den Düsseldorfer Symphonikern ein. Für mich war es überwältigend, unter seiner Leitung die großen Britten-Interpreten Heather Harper und John Shirley-Quirk im „War Requiem“ zu erleben oder den französischen Belcantisten José van Dam als Berlioz’ Mephisto. Ich erinnere mich immer wieder an die ehrliche, ansteckende Freude in seinem Gesicht, wenn er herausragende Solisten und Solistinnen bei „seinem“ Orchester begrüßen konnte. Doch auch die Stimmführer aus den Reihen der Düsseldorfer Symphoniker bekamen unter seiner Ägide eine neue Sichtbarkeit: als Solisten in Solo-Konzerten oder in großen Kammermusiken.

Eine ganz besondere musikalische Begegnung fand im Juni 1991 während des Schumannfests in Düsseldorf statt: Hier konnte man David Shallon als Geiger mit dem „Cherubini-Quartett & Freunde“ (darunter Shallons Ehefrau, die Bratschistin Tabea Zimmermann) im Oktett von Felix Mendelsohn Bartholdy erleben – kritisch beobachtet von zahlreichen GeigerInnen aus den Reihen der Düsseldorfer Symphoniker im Publikum. „Das macht er ja richtig gut“, lautete das einhellige Fazit. Kein Wunder – denn Kommunikation mit anderen Menschen, im Orchester, mit SolistInnen, in der Kammermusik, mit dem Publikum war die Basis von David Shallons Musizieren.

Lange bevor große Orchester den Blick auf ein junges Publikum wendeten, konzipierte er für seine ersten beiden Saisons thematische Jugendkonzerte, die er selbst moderierte. Über die Bedeutung einer solchen Arbeit waren Peter Girth und er sich vollkommen einig – und ihrer Zeit weit voraus.

Mut

Für den Februar 1990 hatte David Shallon die Aufführung von Schostakowitschs Sinfonie Nr. 13 „Babi Jar“ (in Verbindung mit Schuberts „Unvollendeter“) geplant. Die Komposition auf Texte des Dichters Jewgeni Jewtuschenko ist ein Mahnmal für das Massaker, das 1941 von der deutschen Wehrmacht an 40 000 jüdischen Frauen, Kindern und Männern im Tal von Babi Jar nahe Kiew verübt wurde. Heutzutage ist Schostakowitsch einer der meist gespielten Komponisten überhaupt, 1990 war das noch nicht der Fall: Auch jene düstere, anklagende Sinfonie war eine von David Shallons vielen Erstaufführungen für Düsseldorf. Wichtiger aber war ihm das Thema – der Blick auf die grauenvolle Geschichte, aber auch die versöhnende Möglichkeit der Musik.

Diese Sinfonie erfordert neben einem Männerchor einen herausragenden Bass-Solisten – und er war in Düsseldorf gefunden worden: Peter Meven, Solist der Deutschen Oper am Rhein. Aber auch gute Sänger können erkranken. Peter Meven versuchte trotz Erkältung und durch medizinische Behandlung gestärkt die Premiere am Donnerstag, 1. Februar, zu singen. Ich hatte die Aufgabe, vor der Aufführung die Indisposition anzusagen, aber es half nichts: Mitten im ersten Satz „Es steht kein Denkmal über Babi Jar“ musste der Sänger die Aufführung abbrechen.

Wieder einmal mussten wir mitten in der Nacht telefonieren – aber diesmal gelang es uns nicht, bis zum nächsten Tag einen Ersatz für die schwierige und nicht allgemein geläufige Partie zu finden. Was nun? Am folgenden Freitagmorgen hatten mein Dramaturgenkollege und ich in der Krisensitzung mit David Shallon eine aberwitzige Idee: Die Düsseldorfer Symphoniker, die als Orchester der Deutschen Oper am Rhein während der Konzertwochen (zur Verzweiflung aller Chefdirigenten) auch Operndienste zu leisten hatten, spielten gerade in diesen Tagen einen Ballettabend mit „Le sacre du printemps“. Das Stück hatte das Orchester also „drauf“ – wie wäre es, wenn David Shallon am Freitagabend statt der Schostakowitsch-Sinfonie Strawinskys spektakuläres Werk dirigieren würde? Bis heute frage ich mich, wie wir auf diese hanebüchene Idee kommen konnten. Aber David Shallon griff sie sofort mit Lust an der Herausforderung auf. Die folgenden Stunden verbrachten mein Kollege und ich damit, die am Konzert beteiligten MusikerInnen anzurufen und über die Programmänderung zu informieren. Überraschenderweise überwog auch hier der Optimismus … und am Abend dirigierte David Shallon ohne Probe bravourös das rhythmisch vertrackte Werk. Es wurde ein Riesenerfolg. Ich saß während der Aufführung hinter dem Podium und konnte Shallon in seiner ganzen Energie und Verve bewundern. Ich konnte aber auch beobachten, wie er zwischendurch immer wieder hektisch an seiner Frackschleife zog, um sich mehr Raum zum Atmen zu verschaffen. Hinterher, in der Garderobe, gestand er mir, dass er asthmatische Atemnot während der Aufführung bekommen hatte – die Anspannung war doch groß, fast zu groß gewesen.

Für den Sonntag hatte David Shallon schließlich aufgrund seiner persönlichen Beziehungen einen wunderbaren Bass-Solisten gewonnen: John Shirley-Quirk. So konnte wenigstens am 4. Februar 1990 Schostakowitschs Sinfonie Nr. 13 in der Tonhalle aufgeführt und damit auch wie geplant als CD produziert werden.

Die Erlebnisse dieser Konzertwoche fassen für mich wie in einem Brennspiegel zusammen, was David Shallon als Musiker und Mensch ausmachte: die große Identifikation mit den Werken, die er auf seine Programme setzte, die Schnelligkeit und Anpassungsfähigkeit seiner Entscheidungen, der Mut zum Risiko – allerdings auch ohne Rücksicht auf sich selbst. Doch diese Lust an der Herausforderung, die bei ihm eine Lust am Leben war, erscheint mir als Quelle seiner Energie und Zielstrebigkeit – die manches Mal sein Umfeld überfordern konnte.

Dass David Shallons Engagement in Düsseldorf bereits nach sechs Jahren ein Ende fand, hatte verschiedene Gründe. Nicht zuletzt die Düsseldorfer Presse hat hierbei – und nicht nur bei ihm, sondern auch bei Vorgängern und Nachfolgern – einiges zu verantworten. Auch der erfolglose Kampf um eine Lösung für die dringlichen akustischen Probleme der Tonhalle, den berüchtigten „Klopfgeist“, ermüdete im Laufe der Jahre das Verhältnis zwischen Dirigent, Orchester und Stadt und überstieg selbst die Energien eines David Shallon. (Erst im neuen Jahrtausend, 2005, konnte im Rahmen einer zwingend notwendigen Sanierung des gesamten Baus, vorangetrieben durch einflussreiche Mitglieder des Fördervereins der Tonhalle, die akustische Neugestaltung des Kuppelsaals erfolgen.)

Doch gerade in der Rückschau auf die Konzert-Programme und -Formate wird deutlich, dass man mit Recht von einer „Ära Shallon“ sprechen darf, die das Musikleben in Düsseldorf gründlich verändert hatte – sowohl was die Erweiterung des Repertoires als auch die kommunikative Öffnung zum Publikum betraf, die David Shallon als kollegialer und innovativer Musiker betrieb. Es ist an der Zeit, diesen Teil der Düsseldorfer Musikgeschichte neu zu bewerten und zu würdigen.

Elisabeth von Leliwa

(Dramaturgin der Düsseldorfer Symphoniker ab 1987, leitende Dramaturgin der Tonhalle Düsseldorf 2003-2012)

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