Der Musikverein probt wieder: Erlebnisse aus erster Hand

Es ist schon mehr als sechs Monate her: seit unserem letzten Zusammensingen vor Weihnachten haben wir nur online trainiert und geprobt. Wir haben einander nur mit Kopfhörer und durch Lautsprecher gehört, auf Bildschirmen gesehen. Bis zu dieser Woche. Dank sinkender Inzidenzwerten in Düsseldorf darf der Musikverein wie andere Laienchöre wieder mit Präsenzproben mit bis zu 20 Sängerinnen und Sängern beginnen. Wie war das erste Mal nach langer Schonzeit? Lest ihr den Erlebnisbericht unseres Bass-Kollegen, Karl-Hans Möller.

Ich weiß jetzt, wie man einen „Efeu“ singt …

 

… ob ich wohl jemals so sehr eine Probe unseres Konzertchores herbeigesehnt habe? Ich glaube kaum, nicht einmal meine erste. Und diese Vorfreude hatte ich nicht allein, denn einer nach dem anderen der vor dem Bühneneingang der Tonhalle auf das Probenende der ersten Gruppe Wartenden begrüßte die Sangesbrüder und -schwestern mit einem glücklichen Lächeln und einem „Ist das nicht schön“ auf den Lippen. Die Vorfreude verstärkte sich noch, als die Auserwählten des ersten von vier Durchgängen singend, summend und begeistert palavernd nach inniger Begrüßung den Weg für unsere Registrierung freimachten.

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Photo credit: Sugar Bee/unsplash

Mit Ausnahme einiger sommerlicher Open-Air-Proben zwischen den „Wellen“ in Doppelquartettbesetzung hatten wir uns eineinhalb Jahre nicht zum chorischen Singen gefunden. Im stoßgelüfteten Hentrich-Saal der Tonhalle wurde uns allerdings sofort klar, dass ein gemeinsames Atmen mit dem Nachbarn schwierig werden würde, weil sich die Distanz zwischen den einzelnen Stühlen natürlich der Vorschrift entsprechend audiokontaktfeindlich erwies. Test- oder immungeprüft waren die 6 Soprane, 6 Altistinnen, 3 Tenöre und 2 Bässe bereit zum ersten gemeinsamen Aufwärmen, Einsingen und Stimmbilden nach 75 Wochen. Wahrscheinlich hat die bestens gelaunte Chorleiterin Constanze Pitz selbst beim konzentrierten Aufbau der Stimmstütze selten in so viele strahlende Gesichter schauen dürfen.

Auf dem Probenplan standen die Nummern 12 und 43 aus Ferdinand Hillers Oratorium „Saul“. Ich war trotz meines vorherigen Übens etwas nervös, weil ich mich – zwar an der Seite unseres Vorsitzenden, aber eben doch nur – als der zweite anwesende Bass auf eine damit nahezu „doppelsolistische“ Probe freuen durfte. Da wir durch die regelmäßigen online-Proben nach intensivem Selbststudium mit Hilfe der bestens von Prof Dennis Hansel-Dinar und seinen Kollegen vorbereiteten Übungs-Takes die Töne schon weitgehend beherrschten, konnte Constanze gleich mit dem für uns so lange ersehnten chorischen Musizieren beginnen – freilich den freundlich mahnenden Finger zielsicher in die erwartete Wunde legend, denn auch wir hatten unsere Problemstellen in den Noten kräftig eingekreiselt.
Gleich die erste begann mit dem schönen Bassthema „…denn seine Güte und Wahrheit“ , das wir beide als Einleitung der sich daraus entwickelnden Passage ziemlich oft singen mussten, um den anderen Stimmen den Einsatz zu liefern. Ich hätte vor Freude gerne „mehr“ gerufen, denn selbst das ständige „dacapo“ war die Chance zum sich gemeinsam aus einer Tonfolge entwickelnden Singen.

Bei einer weiteren Stelle aus „Davids Harfe“ (12), in der „…treu wie Epheu wird sich winden…“ zu singen war, hatte die Leiterin die Idee, beim Finden der richtigen Phrasierung die elegante Kletterbewegung Ranke nachzuempfinden und damit offensichtlich Erfolg. Ich weiß jetzt zumindest, wie man Efeu singen „kann“. Es war eine wunderbare Probe, weil sie befreit war, von anfänglichen Tonfindungsschwierigkeiten und angereichert durch eine intensive Arbeit an bereits durchaus leidlich wohlklingender Polyphonie.

Viel zu schnell war die vorgegebene Zeit vorbei und die Vorfreude auf die Probe in der kommenden Woche begann schon mit dem Austragen aus der streng geführten Hygieneliste. Diese positive Erwartung schließt aber auch die Gewissheit ein, dass die häuslichen Übungsstunden eine großartige und spürbar angstbefreiende Voraussetzung für effektives und alle beglückendes Musizieren sind.

Wenn irgendjemand den Bericht als zu „euphorisch“ liest – er ist genau so gemeint.