Es muss nicht die große Bühne sein – Friederike Betz inszeniert ein Musical mit Kindern

Sie stellt sich nicht in den Vordergrund, aber sie ist immer da, wenn sie gebraucht wird. Und sie wird viel und oft gebraucht, ob als
engagiertes Vorstandsmitglied, das von ihrer Sopranstimmgruppe das Vertrauen als deren Vertreter bekam, ob als Koordinatorin der Stimmbildungsangebote, als Motivatorin mit Werbeflyern oder vor allem als bestens vorbereitete und mit geschulter Stimme als „sichere Proben- und Konzert-Nachbarin“.
Wenn – wie bei Leonard Bernsteins „Mass“ oder dem Fest zum 200 jährigen Bestehen des Musikvereins choreografische Aufgaben gefragt sind oder der Tenor auf eine interne Verstärkung angewiesen ist, Friederike ist erste Wahl und immer zur Übernahme der
Verantwortung bereit. Sie kann dabei auf ihre in vielen Jahren genreübergreifender Arbeit am Theater gewonnenen Erfahrungen zurückgreifen. Mancher von uns weiß um ihre beeindruckende und interessante Vita als Bühnenkünstlerin.
Aber da sie selten und nur auf Nachfrage ihre Erfolge als Sängerin, Schauspielerin, Tänzerin, Regisseurin und Choreografin preisgibt, ist das Staunen jener, sie zum ersten Mal von ihrem Weg über die „Bretter, die die Welt bedeuten“ erfahren, groß.
„Namedropping“ ist ihre Sache nicht, uns so habe auch ich erst nach und nach erfahren, dass sie in der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts als Choreografin für Jérôme Savary am Théâtre National de Chaillot und in der Opéra Comique sowie beim Festival Chorégies d´Orange arbeitete oder 2002 zur Ruhrtriennale die Choreografie für die Klaus Michael Grübers Inszenierung von Mozarts „Don Giovanni“ übernommen hatte.
Am Düsseldorfer Schauspielhaus war Friederike Betz für 15 Jahre als Choreografin, Regisseurin und Schauspielerin tätig. Mehr als doppelt so lang trainierte sie im Tanzsportzentrum des Boston Club Düsseldorf die „Boston Jazzdance Company“. Mit der seiner Zeit erfolgreichsten Jazz- und Modern Dance Formation in Deutschland feierte sie vier Deutsche Meistertitel und durfte sich über weitere 3 Vizemeisterschaften freuen.
Seit 2008 ist sie Lehrerin in der Düsseldorfer Astrid-Lindgren Schule und leitet dort den Schulchor, der sich - sicher auf das Gefühl beim Singen unter ihrer Leitung bezogen - die „Gänsehautbande“ nennt. Die nachfolgend gewürdigte Musical-Inszenierung mit Kindern und Jugendlichen ist - gemessen an so mancher ihrer Arbeiten in der Vergangenheit - NUR ein regionales Ereignis. Aber als lokales „Event“ und als weitreichend vorbildliches und zum Nachmachen anregendes und einladendes Laien-Projekt trägt es in seiner gründlichen Vorbereitung und engagierten Präsentation die professionelle Regie-Handschrift „unserer Friederike“. Sie ist zu sehr und zu gerne Lehrerin, als dass sie die jungen singenden und spielenden DarstellerInnen spüren lässt, dass sich hier ein erfahrender Profi als Objekt der Bewunderung engagiert. Sie ist und bleibt Teil des Ganzen, vor und hinter der Szene alles koordinierend, aber die Bühne selbst den jungen Künstlern überlassend.

Man muss die Menschen froh machen

Das ist nicht etwa ein - durchaus denkbarer und zur Zeit wirklich herausfordernder - Imperativ unseres chorischen Sendungsbewusstseins. Es ist der Titel eines Musicals über das Leben der heiligen Elisabeth, das der Kinder- und Jugendchor St. Remigius Düsseldorf am 19.11.22 in der Graf-Recke-Kirche in Wittlaer gleich zweimal vor begeisterten Zuschauern zur Aufführung brachte.
Das sich ständig erneuernde leistungsstarke Vokalensemble mit SchülerInnen zwischen 6 und 18 wird seit 1996 von der Musiklehrerin Petra Verhoeven geleitet. 25 der etwa 60 singenden jungen Menschen bilden einen als ungeheuer diszipliniert die Geschichte kommentierenden oder reflektierenden chorischen Background, sind aber alles andere als ein singender Bühnenhorizont.
Die musikalische Qualität und die Souveränität im Umgang mit den sehr sauber intonierten und rhythmisch problemlos mit Soli kommunizierenden Chorsätzen hebt die recht einfache, aber eingängige Struktur der Musicalmelodien über die Klippe möglicherweise entstehender Ermüdung. Einem drohenden Aufmerksamkeits-Decrescendo wirkt die Regie Friederike Betz’ ohnehin vehement entgegen. Dabei verzichtet sie auf gestenreich demonstrative Spilastik sowie auf Dekorations- oder Requisitenschlachten zugunsten gut gearbeiteter und sowohl verständlich als auch emphatisch gestalteter Dialoge.
Die bereits als Teil der Rolle gestalteten Auftritte werden für das Publikum hilfreich zu Zeichen klarer Orts- und Zeitveränderungen und profilieren die musikalischen Einstiege in die durchweg sehr gut gesungenen Soli oder Duette.

Photo credit: Lilly Urbaschek

Den Rahmen der Handlung bildet die einem kranken Mädchen von der Mutter als nächtliche Beruhigung und Ermutigung gedachte Erzählung der Geschichte der vor 800 Jahren auf der Wartburg wirkenden ungarischen Prinzessin Elisabeth, die die ihr zugedachte Rolle als thüringische Landgräfin anders ausfüllte, als es ihre adlige Umgebung forderte. In ihrem kurzen Leben sorgte sich die fromme Adelige um die hungernden und kranken Menschen und kümmerte sich trotz der Verbote der Wartburgherren um die einfachen Leute in Eisenach. Sie schmuggelte heimlich Brot von der Burg und errichtete unten in der Stadt ein Hospiz - ganz im Sinne ihres italienischen Vorbilds Franziskus von Assisi. Die Etappen ihres Wirkens und Scheiterns, ihrer Flucht in zutiefst christlich motivierte soziale Verantwortung bei Akzeptanz eigener Armut werden in 14 Liedern und fast ebenso vielen Szenen erzählt. Der Chor reflektiert die Aussagen der Szenen, Soli und Duette, er wird durch klare und prägnante Szenen und gut verständliche Texte zum „Verstärker“ inniger Gebete und zum „Lobpreiser“ Gottes. Die jungen SängerInnen sind aber auch Adressaten der Hilfe Elisabeths oder ein durchaus spöttisches Publikum der Minnesänger.
Heiterkeit kommt auf, wenn zum auf nur drei Bewerber reduzierten Sängerkrieg neben den sich gegenseitig verspottenden Walther von der Vogelweide und Wolfram von Eschenbach auch ein englischer Barde mi Namen John Linnen auftritt, der allerdings wegen oder trotz seiner langen Haare mit „Let it be“ keine Chance auf den der Frommheit zugedachten Preis Elisabeths hat. Für Insider köstlich, die aus Wagners Tannhäuser zitierte Ansage Wolframs vor dessen „Abendstern“!
Ich verzichte auf das Hervorheben solistischer Leistungen oder besonders intensiver Präsentationen unter den zahlrechen Figuren zwischen Bettlerin und Latein-grammatisch vom Chor korrigierten Kardinal(in) , denn alle „Rollenkinder“ - wie ich bei einem zufällig belauschten Einruf zum Beginn vernahm - erledigten ihre Aufgaben mit Bravour und durften nach etwas mehr als einer Stunde den frenetischen Beifall als von professionellen Instrumentalisten (p, fl, cl, sax, bg und dr) unterstützte höchst engagierte Amateure entgegennehmen.

Moritz von Schwinds Fresco "Das Rosenwunder"

Die Wartburg über Eisenach am Westrand Thüringens ist seit 1990 wieder die Mitte Deutschlands

Für mich war der Nachmittag in der schönen Kirche im Düsseldorfer Norden auch ein Besuch in meiner alten Heimat, denn ich bin unweit der Wartburg geboren. Zur Zeit meiner in der „geschlossenen Gesellschaft“ im südwestlichsten Zipfel der DDR erlebten Kindheit und Jugend wurde trotz der grundsätzlich atheistischen Orientierung die Legende der heiligen Elisabeth den Thüringern und ihren Gästen gern erzählt. Vor allem das „Rosenwunder“ ließ sich natürlich als Belohnung für einen sozial(istisch)en Akt des Ungehorsams gegen den Adel interpretieren. Und mit ihrer Heiligkeit hatte man insofern keine Probleme, weil die Eigenschaft „heilig“ fälschlicherweise als Synonym für „fromm“ gebräuchlich war und damit zum Zielpunkt des initiierten Spotts wurde , mit dem praktizierende Christen überzogen wurden, denen man allerdings ihren weltanschaulichen Irrtum gerade noch verzeihen konnte.
Ich wandelte als Kind oft auf Elisabeths Spuren. Bergan auf dem Rücke eines Wartburg-Esels reitend, den man exakt dort bestieg, wo angeblich die Brotverwandlung in Rosen stattgefunden haben soll.
Aber auch das war nicht der Impuls, dem ich meinen Nachmittag in der Wittlarer Kirche verdanke. Der war dem Interesse an der Arbeit meiner Sangesschwester Friderike Betz geschuldet, die – wie bereits angedeutet - als Sopran auch manchmal sehr willkommen und vor allem absolut kräftig und stimmsicher die hohen Männerstimmen im Chor des Städtischen Musikvereins unterstützt. Sie ist sozusagen eine Tenoreuse (oder sagt man Tenorette, Tenorina oder Tenora) auf Abruf!
Uns verbindet eine jeweils in unterschiedlichen Theatern erlebte Bühnenvergangenheit, ein Leben in der Welt der Phantasie, der Illusionen, der ästhetischen Widerspiegelung von Welt mit dem Auftrag, Freude, Hoffnung und Heiterkeit aber auch Nachdenklichkeit, Trost, Zorn und Katharsis anzuregen.
Dass Friederike jetzt mit Kindern und jungen Amateuren arbeitet, ist für sie kein Schritt in geringere Verantwortung - im Gegenteil! Als Lehrerin aus Berufung nutzt sie ihre Bühnen-Erfahrungen für Projekte konkreter Verantwortung für die Bildung junger Menschen. Die künstlerischen Anforderungen haben sich gewandelt, die persönlichkeitsbildenden haben sich bestenfalls verstärkt. Und diesen Auftrag nimmt Friederike Betz beispielhaft ernst und verdient sich damit einen besonderen Dank.