Gedanken zu einem Lied – Хотят ли русские войны?

Am Rande der Proben zum Menschenrechtskonzert in der Tonhalle gibt es für unsere Sängerinnen und Sänger nur ein Thema: den russischen Überfall auf die Ukraine. Und das betrifft natürlich eines der elementarsten „Human Rights“ : das Recht auf Leben und Unversehrtheit!

Entsetzen, Wut, Mitleid und Hilfsbereitschaft münden wahrscheinlich “unisono“ wie selten in einen Chor der Empörung über den Krieg, den ein Diktator trotz weltweiter Proteste und trotz bittenden Drängens seiner zu Distanz gezwungenen Besucher am extra langen Tisch um Vernunft und Frieden für richtig befunden und begonnen hat.

Ein Chor ist immer das polyphone Zusammenspiel vieler individueller Stimmen, die sich angesichts des Überfalls auf die Ukraine zu einem Ziel bekennen: FRIEDEN JETZT!

Auch im Falle großer Einigkeit sind es ganz persönliche Gedanken, aus denen eine kraftvolle chorisch unterlegte Meinung entstehen kann.

Unser Chorbass Karl-Hans Möller hat sich zu seinen solidarisch-zustimmenden wie traurig-trotzigen Gedanken geäußert, die ihm beim Überqueren des Rheins in den Sinn kamen, als er auf seinem Weg zur Probe in der Abendsonne statt der Ankündigung des „Menschenrechtskonzertes“ die blaugelbe ukrainische Fahne an der Tonhalle leuchten sah.

In meine Erinnerung schlich sich die Melodie eines Liedes, das ich einst mit Begeisterung und dem Optimismus, die schwerste Krise des Kalten Krieges überwunden zu sehen, sang: „MEINST DU, DIE RUSSEN WOLLEN KRIEG?“

Und das Gefühlskarussell dreht sich in meinem Kopf seit dem unbegreiflichen Einmarsch der Z-Armee in die Ukraine nahezu ohne Pause.

Ich sehe die wachsende Gefahr, in der wir uns angesichts eines absolut unberechenbaren, die Existenz der Welt bedrohenden Tyrannen befinden.

Ich spüre den Zorn beim Anblick der russischen Panzer und des Elends in den zerstörten Städten.

Ich versuche zu begreifen, was in flüchtenden Frauen vorgeht, die sich – vielleicht für immer – an der Grenze von ihren Männern verabschieden müssen, die als Verteidiger gebraucht werden und deshalb zum Töten berufen werden.

Ich spüre dem Zweispalt zwischen Patriotismus und Humanismus nach und komme zu keinem Ergebnis.

Ich schäme mich der Häme, die ich beim Anblick der platten Reifen an russischen Raketenwerfern empfinde, weil ich weiß, dass in diesen Aggressionsvehikeln junge Menschen um ihr Leben fürchten und dem soldatischen Gesetz folgen, das zwischen Töten und Sterben abwägen muss.

Es ist zum Verzweifeln, weil man ahnt, dass selbst nach einem Waffenstillstand die Weltordnung eine komplett andere sein wird, weil auch in Europa das mühsam durchgesetzte JUS AD PACEM, das uns so selbstverständlich gewordene „Recht auf Frieden“, vom Herrscher des Kreml gebrochen und wieder durch das Jahrtausende prägende „Jus ad bellum“ , das Recht des angeblich Stärkeren auf Krieg, ersetzt wurde.

Diese Menschenrechtsverletzung ist eine universelle, uns alle angehende und bedrohende. Und plötzlich wird selbst mancher Pazifist gezwungen, den Aufrufen des mutigen Präsidenten und der politisch engagierten Boxer Wladimir und Witali Klitschko zu heldenhafter Verteidigung ihrer Heimat zu folgen, auch wenn es in den abgeschossenen Panzern nach verbrannten Menschen riecht. Grauenvoll!

Ich habe Zeit meines nun ein Dreivierteljahrhundert langen Lebens mit dem Singen gelebt.:
Früher – in Thüringen - waren es die russischen patriotischen Revolutions- und Friedenslieder, die mich im Chorgesang musikalisch begeisterten. Während der „Partisanen vom Amur“ träumte ich davon, über diesen ostsibirischen Fluss sogar nach China zu kommen.
Bei „Katjuscha“ dachte ich an das apfelessende Mädchen am birkenumsäumten Flussufer und nicht – wie die Generation meines Vaters - an den todbringenden gleichnamigen Raketenwerfer. Die Sowjetunion, so lernten wir, wäre der ewige Hort des Friedens, die russische Seele schien eine gut komponierbare Mischung aus Melancholie und Heldentum. Manche in dem Riesenreich wussten es allerdings damals schon besser oder mahnten – argwöhnisch von der Diktatur überwacht – zur Mäßigung.

Der in Sibirien geborene und 2017 in den USA verstorbene Jewgeni Jewtuschenko – einer der Schriftsteller, die ich seit meiner ostsozialisieren Jugend besonders mag, schrieb 1961 auf dem Höhepunkt des kalten Krieges zeitgleich mit der poetischen Anklage des Holocaust in „Babi Jar“ das Lied „Meinst du, die Russen wollen Krieg?“ .

Noch heute möchte ich diese von Putin durch blutige Tatsachen konterkarierte Frage mit NEIN! beantworten, denn es sind nicht nur die mutigen Moskauer Demonstranten, die dem Frieden eine Chance geben wollen. Es ist ganz sicher die Mehrheit der Menschen zwischen Ostsee und Stillem Ozean, die nur mit der Befreiungs- und Bedrohungs-Lüge und dem demagogischen Versprechen auf Rückkehr des durch den „Demokraten Gorbatschow verlorenen“ Weltreichs zum zeitweisen Schweigen oder Dulden gebracht werden. Insofern bitte ich darum, nicht DIE RUSSEN, sondern den Aggressor, Diktator, Tyrannen Putin und seine Entourage als die Schuldigen einer Katastrophe anzusehen, unter der auch die Mütter und Kinder der in den Panzern Verkohlten zu leiden haben.

Mit Entschiedenheit stehe ich an der Seite der überfallenen Ukraine, deren GEWÄHLTE Regierung mit einem bewundernswert klugen und heldenhaften „Narren“* Woldymyr Selenskyj versucht hat, in diesem teilweise auch russisch bevölkerten Land demokratische Prinzipien durchzusetzen. Ich hoffe, dass ein baldiges Opfer seiner eigenen verbrecherischen Strategie am extralangen Tisch merkt, dass sich die Welt einig wie nie ist, ein Ende der Schande zu erzwingen.

*Als Theatermensch ist NARR für mich ein Ehrentitel, denn der Narr hat, sagt und singt den Spiegel, den Tyrannen fürchten.