Nichts von der Erschütterung, mit der uns vor 14 Tagen der Grund für das unerklärliche Fernbleiben Angelika Liedhegeners von der abendlichen Chorprobe bekannt wurde: bei einem Sturz im heimischen Treppenhaus hatte die partnerlos lebende Sangesschwester schwere Kopfverletzungen erlitten, Notarzteinsatz mit Überführung in die Uniklinik folgten.


Wie konnte das passieren? Es gab doch keinerlei Anzeichen für eine solche körperliche Niederlage! Zuverlässig und vorsichtig-bedächtig machte sie zweimal wöchentlich zu Fuß ihre abendlichen Spaziergänge zwischen Wohnung Fischerstraße und Probenort Tonhalle. Ebenso häufig war sie in Oberkassel beim vorsorglichen Krafttraining anzutreffen! Gut, es gab schon mal Arztbesuche mit Verschnaufpausen, aber ein solches Unglück: undenkbar! Wir alle hofften, aber…!
Und nichts steckt in den vier Zeilen von der unendlichen Trauer, die uns mit der Todesnachricht an dem Morgen überfiel, nach dem wir am Vorabend im 3. Sternzeichenkonzert Mozarts große c-Moll-Messe ohne sie, aber für sie gesungen hatten. Alle Chorproben hatte sie mitgemacht, bis auf die letzte! So unvermittelt zerstoben unsere geheimen Hoffnungen nach den Operationen, unsere Genesungswünsche waren auf dem Weg zu ihr, haben sie nicht mehr erreicht!
Ihre alt-bewährte und tenor-stützende Stimme wird uns allen fehlen!
Nur wenige aus unseren Reihen werden sich an ihren Choreinstand vor 57 Jahren erinnern, zu einer Zeit, als GMD Rafael Frühbeck de Burgos die Leitung der Düsseldorfer Symphoniker und Prof. Hartmut Schmidt die des Städtischen Musikvereins inne hatten.


Die zuvor im Madrigalchor von Heinz Odenthal geschulte 20-jährige „Neue“ musste sich damals bei ihrem 1. Konzert in den Musikvereinsreihen bei Vorbereitung und Aufführung von Hermann Gehlens Jazz-Messe schon im einleitenden Kyrie mit unerwartet modernen Klängen auseinandersetzen. Diese gingen vom Jazz-Orchester Kurt Edelhagens unter der Leitung von Hartmut Schmidt aus, sie sind unter der Vol.Nr. 000 festgehalten auf der CD, mit der die Schallarchivsammlung des Musikvereins beginnt.
Im selben Jahr 1969 standen unter der Leitung des spanischen GMD in Düsseldorf noch das Angelika wohlbekannte Bachsche Weihnachtsoratorium auf dem Proben- und Konzertplan, und auch Brittens War Requiem, das in Madrid dreimal zur Aufführung kam. Auf den Tag genau 56 Jahre später bestritt Angelika am 3. November 2025 ausgerechnet mit diesem Requiem auf dem Chorpodium der Tonhalle Düsseldorf ihren letzten Konzertauftritt mit dem Musikverein.
Mehr und mehr Sängerinnen und Sänger haben Angelika im Laufe der Zeit kennen- und schätzen gelernt, als treues Chormitglied hat sie neu Hinzukommende in den Phasen von Proben und Konzerten wie auf vielen Reisen und auf fremden Podien als kundige Begleitung und musikliebende Gesprächspartnerin verlässlich und hilfreich unterstützt.
Von den nahezu 1000 Chorkonzerten seither hat sie fast alle mitgemacht, alle acht Düsseldorfer GMD und viele Konzerthäuser von Amsterdam bis Cincinnati, von Breslau bis New York in dieser Zeit kennengelernt, bedeutende Solisten und namhafte Dirigenten in großartigen Repertoire- und Uraufführungen erlebt, die Requien von Brahms und Berlioz, Mozart und Verdi aufgeführt und ebenso die neuen Werke von Denissow und Ruzicka, Trojahn oder Staar. Ihren musikalischen Horizont pflegte sie durch zahlreiche Besuche weiterer Konzert-, Opern- und Theaterabende an Rhein und Ruhr, zwischen Hamburg und Oberammergau zu erweitern. Gerne haben wir Angelika begleitet und zugehört, wenn sie von ihren Musikerlebnissen berichtete.


Angelikas goldenes Chorjubiläum gab an dieser Stelle schon allen Anlass, ihr Dank zu sagen für ihre Tätigkeiten im und für den Musikverein und sie - ihren darüber hinaus gehenden Einsatz für Menschen auch in anderen Gruppen einschließend - mit der Würde der Ehrenmitgliedschaft auszuzeichnen. Ihre Stimme wurde - nicht nur! - als Sängerin in Alt und Tenor, sondern auch in Sopran und Bass und im Vereinsvorstand - auch dort nicht nur als Mitglied! - gehört und geachtet.
Auch über ihr Hobby Musik hinaus hat sich Angelika vielfach ehrenamtlich eingesetzt. Sie war in St. Andreas als Kantorin und Lektorin im Einsatz, betreute Menschen mit Behinderungen, war in der Paliativfürsorge aktiv und schloss mehrere Patenschaften ab.
Eine sehr besondere ging sie ein, als sie - zu dem Amt als Schatzmeisterin im Vorstand des Vereins „Der Golzheimer Friedhof soll leben“ - 2011 dort auch die pflegende Patenschaft für Grabsteine übernahm. Auf den Seiten des Vereins bringt sie - ihre Intentionen dazu auch uns nachlassend - ihre Gedanken über die Inschrift auf dem Grabstein von Anna Catharina Püttmanns, geb. Hegemann, persönlich so zum Ausdruck:

„Die hier Beerdigte war zu ihren Lebzeiten eine sehr sozial engagierte Frau in Düsseldorf. Die Vorderseite des Grabmals trägt flächendeckend die nachfolgende Inschrift aus der Bibel:
„Ich habe den guten Kampf gekämpft. Ich habe den Lauf vollendet. Ich habe Glauben gehalten.
Hinfort ist mir beigelegt die Krone der Gerechtigkeit, welche mir der Herr an jenem Tage, der gerechte Richter, geben wird, nicht aber mir allein, sondern allen, die seine Erscheinung lieb haben."
Diese Worte beeindruckten mich sofort, da sie mir als praktizierende Katholikin nicht nur sehr vertraut sind, sondern auch Mendelssohn-Bartholdy diesen Text in seinem Oratorium PAULUS, welches er dem Städtischen Musikverein zu Düsseldorf gewidmet hat, dem er als Musikdirektor vorstand, und ich in diesem Chor seit fast 50 Jahren singe, auch mehrfach das vorgenannte Werk. Ich selbst war als Verwaltungsbeamtin bei der Stadt Düsseldorf 45 Jahre im Gesundheits- und Sozialwesen tätig. Aus den v.g. Gründen fiel dann meine sofortige Entscheidung für diesen Grabstein. Zudem kann ich ihn von meinem Fenster aus sehen, wenn die Bäume kein Laub tragen.“

Liebe Angelika, auch wir werden Dir – über die zahlreichen Bilder von und mit Dir hinaus – ein ehrendes Andenken bewahren: Requiescat in pace!
Georg Lauer
Düsseldorf, 25. März 2026