Berlioz: Grande Messe des Morts

In der Nachkriegsgeschichte des Musikvereins finden wir Konzerte, deren Umstände für die Nachwelt kaum mehr nachvollziehbar sind; Das Berlioz-Requiem aus dem Jahre 1966 in Paris zählt dazu! Dabei war die Intention besonders von deutscher Seite so ehrenhaft und lauter, wie sie nur sein konnte: 50 Jahre nach der grauenvollen Schlacht von Verdun wollte man der Gefallenen gedenken, Völkerverständigung und –versöhnung als Leitmotiv für alle Zukunft beschwören, und das durch ein gemeinsames Musizieren von Franzosen und Deutschen unter der Leitung des belgischen Stardirigenten André Cluytens unterstreichen.

1958 war der Chor erstmalig unter Eugen Szenkar in Paris, es folgten Konzertreisen in den Jahren 1959, 1961, 1963 und 1965. Für das grandiose Berlioz-Requiem mit seiner spektakulären Chor- und Orchesterbesetzung hatte man mit Bedacht einen für Frankreich geschichtsträchtigen und bedeutungsvollen Ort gewählt: das Panthéon. Wenige Tage vor Abreise nach Paris erreichte den Musikverein dann ein Telegramm, in dem mit dürren Worten stand: „Requiem unmöglich!“.

Der Hintergrund: Das Panthéon ist –vergleichbar mit „Saint-Louis des Invalides“- ein Nationalheiligtum Frankreichs, liegen dort doch neben den sterblichen Überresten von Staatsmännern und Generälen auch Geistesgrößen wie Voltaire, Victor Hugo und Rousseau begraben. Im Dezember 1964 wurde dann die Asche von Jean Moulin, dem Gründer des „Conseil National de la Résistance“, in das Panthéon überführt; Moulin starb 1943 an den Folgen von Folterungen. „Kein deutscher Chor über dem Grabe von Jean Moulin!“ war die unerbittliche Forderung der Verbände der Widerstandskämpfer, dem der Staatsmann Charles de Gaulle ungern, der General de Gaulle schlussendlich dann doch zustimmte.

René Heinersdorff, sen. –seinerzeit Präsident des Musikvereins- und der Vorsitzende Kunibert Jung reisten umgehend nach Paris, um zu retten, was noch zu retten war; schließlich standen urplötzlich Monate der Vorbereitung sowie die vollständige Reiselogistik für den auf über 200 (!) Sängerinnen und Sänger erweiterten Musikverein zur Disposition.

Unterstützt von der Bundesregierung und mit tatkräftiger Hilfe der deutschen Botschaft kam zunächst „Notre Dame“ als alternative Konzertstätte ins Gespräch. Vergessen wurde dabei allerdings, dass man mit dem 2. November (also einen Tag nach Allerheiligen) terminlich festgelegt war, und somit durch den kirchlichen Feiertag weder ein Podiumsaufbau noch Proben im Dom möglich waren. Es blieb per Saldo der zwar renommierte, jedoch für diesen Anlass etwas „profane“ Konzertsaal „Salle Pleyel“, den der Musikverein bestens kannte, der jedoch für ein Berlioz-Requiem kaum akustisch geeignet war.

Mit André Cluytens war ursprünglich einer der herausragenden internationalen Dirigentenpersönlichkeiten des XX. Jahrhunderts für die Leitung des Konzertes vorgesehen. Es bleibt aus heutiger Sicht zu vermuten, dass er seine Mitwirkung auch mit Anlass und Ort des Konzertes verbunden hatte; wie dem auch sei: er sagte ab, und an seiner Stelle sprang der Chefdirigent des L‘Orchestre Philharmonique de l‘ORTF, Charles Bruck, ein.

Dies vorausgeschickt ist die vorliegende Aufnahme auch als geschichts-historisches Dokument zu werten. Beim Abhören wird stellenweise durchaus eine emotionale Unsicherheit spürbar, die –nach allem, was vorangegangen war- bei den Chormitgliedern von damals nur allzu verständlich sein dürfte. Hinzu kam, dass nach übereinstimmenden Berichten von Presse wie Zeitzeugen das Dirigat von Charles Bruck alles andere als inspirierend ausfiel.

Besonders hingewiesen sei auf die unbefriedigende Klangqualität des zur Verfügung stehenden Tonbandes, das selbst bei professioneller Lagerung durch das „ina“ in Paris seine 50 Jahre Alter nicht leugnen kann. Zwar wurde vom ORTF damals bereits STEREO aufgezeichnet, aber das mit 38cm/sec. aufgezeichnete Material zeigt besonders in den hohen Frequenzen des linken Kanals deutliche Verzerrungen, die auch bei einer vorsichtigen Nachbearbeitung nicht getilgt werden konnten.