13.06.2026 | Rheinische Post
Das ist eine Frage, die man seit dem Neubau-Stopp in Düsseldorf immer wieder hört. Was dafür spricht – und was dagegen.
Kommentar:
Was für eine verrückte Frage die jeder normale Mensch mit einem eindeutigen JA beantworten muss wenn er in irgendeiner Weise strategisch über die Entwicklung und das Ansehen einer Landeshauptstadt in der Welt nachdenkt. Was für eine verrückte Aufmachung dieses RP-Artikels. Zum jetzigen Zeitpunkt einer solchen Diskussion in ein derartiges Pro und Kontra zugehen ist nun wirklich fatal. Ich erinnere an den Aufschrei der Düsseldorfer Stadtgesellschaft als ein Oberbürgermeister die Frage stellte "Brauchen wir ein Schauspielhaus?". Diese Frage wurde ad absurdum gestellt wenn man die Geschichte des Schauspielhauses nach diesem Frontalangriff betrachtet. Genauso stark müsste einem solchen Anti-Oper-Aufruf entgegengetreten werden.
Unser Mitglied Dr. Karl-Hans Möller, erfahrener Theatermann und sehr aktives Mitglied unseres Redaktionsteams der NeueChorszene digital macht sich im folgenden Beitrag Luft über den wenig intelligenten Ja/Nein Vergleich bei diesem sensiblen Thema der Stadtentwicklung:
BRAUCHE ICH ÜBERHAUPT NOCH EINE DÜSSELDORFER STADTPOST?
Ich sage JA, auch wenn ich die heutige fast vor Wut und Enttäuschung zerrissen hätte.
Der erste kulturpolitische Tiefschlag – der unerwartete Planungsstopp für das Düsseldorfer Opernprojekt – ist in seiner weitreichenden Konsequenz noch nicht einmal im Ansatz begriffen, da schaut der zweite Knock-Out-Versuch aus dem Briefkasten. Als ich heute die Schlagzeile der RHEINISCHEN POST sah, glaubte ich an einen Leseirrtum. Die Suggestivfrage, die die Notwendigkeit eines Opernhauses in der Landeshauptstadt in Frage stellt, kann ich nur als eine Steilvorlage für eine dadurch populistisch angeheizte Debatte interpretieren, die in dieser ohne Not in den Raum gestellten Konsequenz niemand braucht, dem die kulturell geprägte Lebensqualität unserer Stadt am Herzen liegt.
Es zu wagen, an eine Abschaffung der traditionsreichen und bundesweit anerkannten Oper auch nur zu denken, schien mir bis heute absolut undenkbar. Aber allein die Überschrift der Stadtseite C1 „Braucht Düsseldorf überhaupt noch eine Oper“ suggeriert ein scheinbar notwendiges aktuelles Nachdenken über bisher Undenkbares.
Während die sicher teure, aber für die Bewahrung und Entwicklung der darstellenden Künste so beispielhafte „Deutsche Theater- und Orchesterlandschaft“ von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe anerkannt werden soll, wird genau diese so stolze und nachhaltige Errungenschaft für die „Deutsche Oper am Rhein“ in Frage gestellt. Im scheinbar so unvoreingenommen-demokratischen Pro-und Contra-Spiel um eine suggestiv gestellte Frage kann ich Ludwig Krauses JA-Argumente gern und voller Überzeugung unterstreichen. Vor allem seine Schlussfolgerung, dass eine Oper „kein hochelitärer Quatsch“ (sei), kein „nice to have“ sondern „gelebte Stadtgesellschaft“. Er stellt die Oper als eine Erfolgsgeschichte dar, um deren Zukunft die Düsseldorfer kämpfen sollten.
Schade nur, dass diesen klugen Gedanken recht befremdliche seines Kontrahenten Moritz Döbler, folgen. Ausgerechnet die Argumente des Chefredakteurs bedienen sich in ihrer Konsequenz eines Vorurteils, welches das Musiktheater immer wieder als ein ausschließlich elitäres Vergnügen für eine eher wohlhabende bildungsbürgerliche Minderheit diffamiert. Den als Ersatz vorgeschlagenen und von ihm als durchaus erreichbar angepriesenen Opern-Städten Köln, Duisburg, Essen oder Dortmund wird nach Meinung des „NEIN-Schreibers“ offenbar ein solcher Luxus zugestanden, der NRW-Landeshauptstadt aber nicht?
Das treue und auf eine langfristige Perspektive hoffende Opernpublikum an der Heinrich-Heine Allee beweist allabendlich, ein interessiertes, neugieriges, begeistertes und keinesfalls ein jet-settend snobistisches zu sein. Es ist jedoch von kulturell interessierten und die Kunst des Musiktheaters wirklich liebenden Menschen nicht zu erwarten, ihr Heimrecht am Opernbesuch aufzugeben und zu musikdramatischen Event-Touristen zu werden.
Vor Jahren fiel in einer Debatte um eine geplante Theaterschließung der bemerkenswert deutliche Satz: „Große Kommunen ohne Theater sind gar keine Städte“. Ich meine, dass eine Metropole mit einer stolz und nachhaltig gewachsenen Oper, die auf Haus und Ensemble verzichtet und dessen Publikum ins Exil schickt, Gefahr läuft, auf Dauer keine mehr zu sein. Und was wird im Falle einer Schließung aus der überzeugend nachgewiesenen Bedeutung der Oper für die ästhetische Bildung der jungen Generation. Die zahllosen bewährten musik- und theaterpraktischen Angebote an Schulen (Ludwig Krause hat dazu imposante Zahlen genannt) sollen dann also auch von jenen „erreichbaren“ Bühnen im Umkreis von 30 bis 50 km übernommen werden? Das sind vor allem für Schulklassen und engagierte Lehrer oder auch kunstinteressierte Kinder und deren Eltern offenbar durchaus zumutbare Distanzen, oder …?
Schlimmer als die eine Oper als überflüssig darstellenden Schlussfolgerungen, ist aber für mich die wirklich unerhörte Fragestellung nach der Fortexistenz der Deutschen Oper am Rhein generell. Dieses Szenario ist jetzt in der Welt, und das autorisiert durch den Chefredakteur der wichtigsten Tageszeitung. Ob es vor dem Missbrauch durch auf Bildungs- und Kunstferne vertrauende Populisten einzufangen ist …?
Der von mir sehr verehrte Mitherausgeber der Rheinischen Post, Herr Florian Merz-Betz, ist seit 1992 Generalmusikdirektor und Chefdirigent der Chursächsischen Philharmonie im südwestsächsischen Bad Elster. Im dortigen König Albert Theater, das er auch als Intendant führt, dirigiert er nicht nur Konzerte, sondern in Kooperation mit den Landesbühnen Sachsen auch Inszenierungen von Opern und Operetten. Was würde er wohl sagen, würde er durch den vogtländischen Regionalteil der „Freie Presse“ gefragt, ob es aufgrund der Nähe seiner Bühne zu den Theatern Plauen oder Hof (beides nur 30 km entfernt) überhaupt noch Musiktheater im König-Albert-Theaters brauche?
Dr. Karl-Hans Möller
Sänger im Chor des Städtischen Musikvereins zu Düsseldorf
am 13.6.2026 - 20.00 Uhr