Lebenslauf
Stadtgeschichte/ Vereinsleben

Uraufführung des "Te Deum" von Ernst Pepping in Düsseldorf - interessante Komponistenmeinung zu einem wohl offensichtlich ziemlich chaotischen Uraufführungsprojekt:

Die Düsseldorfer Aufführung – und die Beschaffenheit des Aufführungsmaterials –schilderte Pepping (Bild) seinen Kasseler Verlegern im Schreiben vom 19. Juni 1956:

"Sehr geehrte Herren!
es wird Ihnen gewiss lieb sein, von mir über die Qualität des Orchestermaterials informiert zu werden, das ich in den Düsseldorfer Tagen genau durchsehen musste. Streicher und Holzbläser sind durchaus anständig geschrieben und zu gebrauchen. Ich rate nur, die Stimmen nach dem von mir korrigierten Düsseldorfer Material und der dort ebenfalls korrigierten Partitur durchzusehen und zu verbessern. Es ist natürlich sehr wohl möglich, dass ich Fehler übersehen habe[,] und ich rechne daher mit Ihrer Sorgfalt. Für spätere Arbeiten würde ich an Ihrer Stelle Ihre Schreiber darauf hinweisen, dass es nicht nötig ist, dass ein Instrument, das, sagen wir, die letzten 30 Takte eines Satzes pausiert, während dieser 30 Takte noch Stichnoten erhält, dass es aber sehr wohl nötig ist, dass ein Instrument, das die ersten 30 Takte eines Satzes pausiert, hier S[t]ichnoten zur Orientierung vorgesetzt bekommt, die es ihm ermöglichen, sich bei den Proben – der Dirigent will beispielsweise bei Takt 10 einsetzen – zu orientieren.

Die Blech- und Schlagzeugstimmen aber sind indiskutabel, so etwas von schludriger Arbeit habe ich allerdings noch nie vor Augen bekommen, und Sie haben, meine ich, das Recht, die Arbeit an den Schreiber zurückzureichen. Für spätere Aufführungen ist das Material gänzlich unbrauchbar. Ich glaube, Sie wissen nicht, wie sehr Sie die Uraufführung mit diesem Material gefährdet haben. Hätten Sie es einen oder zwei Tage später korrigiert, bezw. neu geschrieben (denn manches kann man überhaupt nicht korrigieren) geliefert, wäre es immer noch rechtzeitig da gewesen und Sie hätten mir und vor allem dem Werk manchen Kummer erspart. Bei der Aufführung sind (ohne Schuld des Orchesters) im Orchesterpart, insbesondere in den rein instrumentalen Teilen[,] die wildesten Patzer passiert, die leider durch Rundfunkübertragung weitergegeben worden sind. Das Blech setzte zu früh oder zu spät ein, im Scherzo des III. Teiles und dem folgenden Sopransolo „Per singulos dies“ stimmte kaum je eine Note. Das „Amen“ wurde von der ersten Note an geschmissen und hätte eigentlich abgeklopft werden müssen. Sie sind so glücklich, es nicht zu wissen, während mir der Angstschweiß auf der Stirn und die Schamröte auf den Wangen stand. Aber anderseits: Sie bezahlen doch das Geld für die Sache und müssten im Interesse dieser Kapitalsanlage daran interessiert sein, der Sache durch ein auch nur einigermaßen brauchbares Material ihre Lebensmöglichkeiten zu belassen.

Im Einzelnen: 1. sind in diesen Stimmen die S[t]ichnoten genau so groß geschrieben wie die Spielnoten, wodurch die Konzentration des Musikers aufs äußerste beansprucht wird.

2. Ganze und halbe Noten sind an manchen Stellen als aufgeblasene Luftballons notiert, und man kann nur raten, welche Note denn eigentlich gemeint sei.

3. Diese Fehler! Im Horn erscheint plötzlich ein Klarinettentriller, weil der Schreiber, blind vor Dummheit und Wurschtigkeit, eben in dieses System hineinrutschte, in der Trompete erscheinen Posaunennoten etc. Dass die Vorzeichen nie stimmen, wenn in der Partitur mehrere Stimmen auf einem System notiert erscheinen, ist klar. Die 4 Hörner insbesondere gehen durcheinander wie Kraut und Rüben. Mit einem Wort: ich finde dafür kein Wort.

4. Die Schrift ist so primitiv, dass man beim Lesen Bauchgrimmen bekommt.

5. Eine besondere Leistung stellen Pauken- und Schlagzeugstimme dar. Die Paukenstimme enthält die ganze Schlagzeugstimme (in ebenso großen Noten, versteht sich), die Schlagzeugstimme die ganze Paukenstimme. Man geht in die Luft über diesen Irrsinn. Die Schlagzeugstimme unterschlägt wesentliche Partiturangaben. Ob Becken zu zweit oder mit Filz- oder Holzschlägel, ist nicht ohne Belang[,] und ähnlich verhält es sich mit der kleinen Trommel.

Dies in Kürze zur Information. Ich empfehle, mir das Berliner Material zur Einsichtnahme vorzulegen. Noch einmal möchte ich diesen Angsttraum nicht träumen.
Mit schönsten Grüssen - Ihr Ernst Pepping"
Quelle: Hompage der Ernst Pepping-Gesellschaft, c/o Universität der Künste Berlin, Universitätsarchiv - Einsteinufer 43-53, 10587 Berlin