Zwei Jahrzehnte SingPause Düsseldorf,

das klingt gewaltig, vor allem, wenn man erkennt, dass heute bereits die Söhne und Töchter der ersten SingPausen-Generation im sangesaktiven Parkett der Tonhalle zu finden sind. 20 Jahre und so jung wie am ersten Tag! Älter geworden und doch jung geblieben ist Manfred Hill, der Ehrenvorsitzende des Städtischen Musikvereins zu Düsseldorf. Der Initiator dieses bundesweit anerkannten und inzwischen durch viele Städte vervielfachten und mit hohen Auszeichnungen bedachten Projekts kann auf stolze Zahlen verweisen. Heute ermöglichen ca. 60 Düsseldorfer Grundschulen pro Jahr etwa 16.000 Jungen und Mädchen, zweimal wöchentlich in den Genuss einer aktiven musikalischen Unterrichtsunterbrechung zu kommen. Die künstlerische Leiterin des Projekts Marieddy Rossetto, unsere ehemalige Chordirektorin, koordiniert die Arbeit der 42 musisch ausgebildeten SingPausen-Leiter. Die professionell ausgebildeten Musiker- und Sänger*innen sorgen an den von ihnen betreuten Schulen dafür, dass jedes Jahr im Juni die Tonhalle, den Altersdurchschnitt ihres Publikums drastisch senken kann, weil sie bestens vorbereitete Schülerinnen und Schüler im Grundschulalter zu ihren jährlichen Abschlusskonzerten einlädt. Obwohl jährlich 17.000 stolzen Eltern und Großeltern „unser“ Chorpodium und alle Ränge des Mendelssohn-Saales zum Erleben des im wahrsten Sinne des Wortes „bestaunenswerten“ Ereignisses zur Verfügung stehen, ist auch 2026 die Nachfrage nach weiteren Karten für jedes der 20 Abschlusskonzerte der SingPause enorm. Und das ist nur allzu verständlich, vor allem wenn man – wie ich selbst im Dekadenabstand – mehrfach Zeuge dieser wunderbaren Sangesfreude werden konnte.

2026 - 20 Jahre SingPause: Konzert am 3.6.2026. Eines von 20 Konzerten der SingPause. Viele, viele Kinder, Lehrerinnen und Lehrer und tausende Gäste werden von Manfred Hill und seinen Helfern am Haupteingang der Tonhalle freudig begrüßt.

„Solch ein Gewimmel …“ möchte man Goethe zitieren, wenn zu jedem der Konzerte die Klassen aus verschiedenen Schulen in froher Erwartung ihres Auftritts aus allen Richtungen auf die Tonhalle zuströmen und an deren Haupteingang von Manfred Hill, dem „Vater des Projekts“, persönlich begrüßt werden. Es ist schon (s)eine logistische Meisterleistung, vor allem wenn man bedenkt, dass nach dem jeweils ersten Konzert am Vormittag 60 Minuten später bereits die fast 900 Kinder des zweiten Durchgangs vor den Türen stehen. Der reibungslose Ablauf gelingt nur mit Hilfe eines ausgeklügelten Einbahnstraßensystems, das von zahlreichen geduldig-freundlichen „Wegweisern“ und ehrenamtlichen Helfern dirigiert wird. Basis dieses Systems ist die enorme Vorarbeit und Planung der künstlerischen Leiterin Marieddy Rossetto, ohne die alles nicht diesen reibungslosen Ablauf garantierte.

Wer glaubt, dass eine solch große Anzahl von jungen Schülerinnen und Schülern zum unbeherrschbar kakophonischen Risiko wird, der täuscht sich. Eine andächtige Stille ist natürlich weder zu erwarten und schon gar nicht zu erhoffen, denn eventuell vorhandene Schwellenängste vor dem „Kulturtempel“ sollen ja abgebaut werden. Die Kinder wissen, dass sie zum Musizieren kommen, und manche trällern bereits freudig vor sich hin oder singen gemeinsam „Ohrwürmer“ der einstudierten Melodien. Die sich auf verschiedenste Art äußernde Unruhe ist bereits ein tolles Erlebnis und entlädt sich zum Beifall-fortissimo wenn die für die teilnehmenden Schulen verantwortlichen Singleiter auf der Bühne erscheinen.

Ich erlebte das Konzert am 2. Juni mit den Grundschulklassen der GGS Max-Halbe-Straße (Singleiterin ist übrigens die Sopranistin unseres Konzertchores Radostina Nikolova), der KGS St.Michael mit ihrem Singleiter Michael Wallrath, der Kartause-Hain-Schule mit dem Singleiter Xiangkai Ding und der Henri-Durand-Schule mit der Singleiterin Elena Petruschevska. Nach dem Willkommensgruß von Herrn Hill begrüßen die für die Einstudierung an den Schulen gewonnenen Musiker*innen ihre kleinen Chöre (Schulen) und freuen sich über die ebenso vielstimmige wie taktsichere Erwiderung. Am Piano begleitet und improvisiert Klaus Wallrath, ein großartiger Musiker und Komponist, dessen Musicals nach biblischen Texten schon oft von unserer Chor-Sopranistin Friederike Betz mit Gerresheimer Jugendlichen inszeniert wurden. Umfangreiche Percussions-Instrumente bringt der Schlagzeuger Tobias Liebeszeit zum Klingen und eine sehr erfahrene ehemalige Singleiterin – Constanze Backes – ist die Entertainerin, die natürlich die auch zeichenfixierte WARD-Methode beherrscht. Sie moderiert als „primus inter pares“ und erinnert den Parkett-Chor an die gestischen Vereinbarungen zur Ruhe oder zum Beifall für die ihren Gesang unterstützenden Eltern. Ein Finger auf den Mund reicht, und das Saalgemurmel verstummt. Ein gehobener Arm lädt zum Aufstehen ein und die klaren, das Dirigat der Singleiter unterstützenden Gesten helfen, sich an geübte Interpretationsformen zu erinnern.

Das Repertoire der SingPause ist von Anfang an ein sehr internationales und damit integratives. Man singt in vielen unterschiedlichen Sprachen und versteht, dass durch die Musik ausgedrückten Gefühle besonders intensiv und verbindend erlebt werden können.

2026 - 20 Jahre SingPause: Konzert am 3.6.2026. Eines von 20 Konzerten der SingPause. Viele, viele Kinder, Lehrerinnen und Lehrer und tausende Gäste werden von Manfred Hill und seinen Helfern am Haupteingang der Tonhalle freudig begrüßt.

Zu Beginn erklingen das Inuit-Lied „Atte katte nuwa“ aus Lappland, das bekannte schwedische Volkslied „Im Frühtau zu Berge“, das spannende Wald-Räuber-Spektakel aus Toulouse sowie ein englisches Seemannslied. Bei dem Tiroler Stanzl „Jetzt gang i ans Petersbrünnele“ darf sogar gejodelt werden. Besondere Zeichen im Notenbild der verteilten Liederhefte fordern dabei auch die Erwachsenen zum Schenkelpatschen, Händeklatschen oder Fingerschnipsen auf. Nach dem andächtigen Staunen über die Präsentation des Sternenhimmels in der Planetariums-Kuppel der 100jährigen Tonhalle beginnt ein leiser Programmteil, der dem Credo der SingPause „Für die Erde singen wir“ folgend dem Wunsch nach Frieden gewidmet ist. Die Singleiter musizieren unterstützt von zwei Kolleginnen als Septett einen berührenden vierstimmigen Satz, bevor nach dankbar stürmischem Applaus zu einem gemeinsam mit den Erwachsenen gesungenen Kanon eingeladen wird. Die Eltern und Verwandten müssen ihr Ostinato „Sing Cuckoo“ mehrfach üben und zu mehr Mut aufgefordert werden, um als klingender Endlos-Rahmen für den komplizierten Kinderteil von „Summer is acoming in“ zu funktionieren. Bei dem karibischen „Un poquito cantas“ darf das Parkett noch einmal latin-rhythmisch explodieren.

2026 - 20 Jahre SingPause: Konzert am 3.6.2026 it "Düsseldorf, du schöne Perle am Rhein..."

Zum Finale singt der ganze Saal „Düsseldorf, du schöne Perle am Rhein“. Es ist sehr berührend, zu erleben, wie viele Bewohner unserer Stadt, deren Wurzeln weit jenseits unseres Stromes zu liegen scheinen, sich ganz selbstverständlich schunkelnd über ihr begeistertes Mit-Schmettern des Liebesbekenntnisses zu unserer Stadt freuen. Eigentlich sollte das nicht erwähnenswert sein, aber unser „normales“ Beispiel möge mit der SingPause in die Welt klingen. Ist es ein Wunder, dass viele der Kinder den Saal summend oder singend verlassen und auch Erwachsene neue Ohrwürmer mit nach Hause nehmen?

Bisher haben ca. 300.000 Düsseldorfer*innen ihre SingPause erlebt. Es werden immer mehr werden, und viele von ihnen werden weiter singen, die Musik lieben und „sich dort niederlassen, wo man singt.“  Denn wie sagt der mahnende Kanon: „Böse Menschen haben keine Lieder“

Karl-Hans Möller, 03.06.2026

Bilder: KHMöller (c)MV

Dr. Karl-Hans Möller

Karl Heinz Möller

Vita unseres Autors: Der 1947 in der thüringischen Theaterstadt Meiningen geborene Karl-Hans Möller arbeitete nach Studium der Germanistik/Anglistik in Jena zunächst als Lehrer und suchte nach seinem Berufsverbot aus politischen Gründen (1978) den Quereinstieg ins Theaterleben, mit dem er seit der sich mit Dramatik beschäftigenden Promotion(1976) in enger Berührung war. Nach der Wende wurde er an die Städtischen Theater Chemnitz berufen und war von 1990 bis 2008 Chefdramaturg dieses Mehrspartentheaters. 2009 folgte er dem Ruf an die Landesbühnen Sachsen, wo er als Chefdramaturg deren Neuprofilierung als vom Freistaat getragene GmbH konzipierte. Von 1995 bis zu seinem Ausscheiden aus dem aktiven Berufsleben 2013 war er der von den Intendanten und Rechtsträgern der Theater und Orchester berufene Geschäftsführer des Landesverbandes Sachsen im Deutschen Bühnenverein. Von 2006 bis 2013 hatte er den Lehrauftrag „Kunst für Kreativität“ an der TU Chemnitz und war 2007 – 2012 Dozent des „zeitgeschichtlichen Promotionskollegs“ der Konrad Adenauer-Stiftung, die ihn bis heute zu Vorlesungen und Seminaren über kultur- und bildungshistorische Themen der von ihm komplett durchlebten DDR-Geschichte einlädt. Mit dem Eintritt in den Ruhestand kam er mit seiner aus Düsseldorf stammenden Ehefrau an den Rhein und ist seitdem als Chor-Bass aktives Mitglied des Musikvereins und sehr engagiertes Redaktions-Mitglied des Musikvereinsmagazins "NeueChorszene".

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