Der Vogel hat kein Recht zu singen, wie er will
24. Februar 2026
Der Leiter des Jungen Schauspiels Düsseldorf, Stefan Fischer-Fels, hat uns den kompletten Text der Konzertlesung überlassen und wir möchten jeder Leserin und jedem Leser diesen Text ans Herz legen. Im Text wird deutlich, dass die Vernichtung der ukrainischen Existenz und Kultur ein elementares Anliegen der herrschenden Strukturen nicht nur seit 2014 sichtbar ist sondern mit System seit mehr als 350 Jahren betrieben wird.
Mit Olga Glibovych (Violine), Emanuel Matz (Cello), Yaromyr Bozhenko (Klavier) und Pauline Kastner (Text)
Der Text basiert auf Recherchen und Berichten von Wissenschaftlern und Fachleuten. Recherchiert und zusammengestellt von Yaromyr Bozhenko, für die Bühne geschrieben von Stefan Fischer-Fels (Dramaturgie).
Eine Veranstaltung in Zusammenarbeit mit dem Verein zur Förderung der Städtepartnerschaft Düsseldorf-Czernowitz und Ridne Slowo e.V. im Rahmen der Reihe „Soundtrack zur Freiheit“
Ganz leise Musik1 (Intro), wie aus der Ferne.
Sprecherin:
Wenn ich unendlich allein bin …
Gedicht von Wasyl Stus.
…
Musik1 Ende.
Willkommen, liebe Gäste, zu einem besonderen Konzert und zu einer ungewöhnlichen Lesung. Sie werden schockierende Geschichten hören; Geschichten, die so oder ähnlich wirklich geschehen sind. Sie werden unglaubliche Musik hören, das Mosaik einer Kultur, die nicht sein darf. Das Gedicht hat Wasyl Stus geschrieben, einer der großen ukrainischer Dichter und Aktivisten, 23 Jahre (8395 Tage…) lang verurteilt und verbannt wegen „antisowjetischer Umtriebe“ und Einsatz für die kulturelle Autonomie der Ukraine. Er starb 1985 in einem Straflager, vermutlich an Unterkühlung.
Ihm und seinen Schriftstellerkollegen widmen wir dieses Konzert: Wolodymyr Iwasyuk, Sänger und Komponist des 20.Jahrhunderts, einer seiner des größten Hits ist der „Chervona Ruta“, heute vielleicht das populärste Lied der Ukraine. Wolodymyr wurde 1979 ermordet vom russischen KGB. Aus seinem Gedicht kommt die Zeile, die diesem Abend seinen Titel gibt: Der Vogel hat kein Recht, so zu singen, wie er singt.
Eine der Geschichten, die Sie heute hören werden, ist die von Wasyl Barwinskyj und seiner Frau, von ihrem Leben und ihrer Zeit in einem russischen Arbeitslager in Sibirien. Wir werden Wasyl nach Sibirien folgen, und Wasyl wird seine Geschichte selbst erzählen, wie auch die Geschichte von dem Mann, der niemals lächelte und von anderen: Maksym Beresowskyj, Mykola Lysenko, Viktor Kosenko, Levko Revutsky. Ihnen und allen verfolgten, ermordeten und unterdrückten Musikern und Komponisten der Ukraine widmen wir diesen Abend.
So viele Schätze dieser Künstler sind vernichtet und willentlich zerstört worden. In der Geschichte hat keine Sprache eine so schreckliche und systematische Zerstörung über Jahrhunderte erlitten wie das Ukrainische. Weil der Vogel nicht das Recht zu singen hat.
Er tut es dennoch: Wir heben heute einige Schätze und erinnern an eine jahrhundertelange und anhaltende Unterdrückung.
Musik 2 - Trio nach Revutsky
die Texte laufen langsam im Hintergrund
Sprecherin:
1764 – Zarin Katharina II. gibt die geheime Anweisung zur „Russifizierung der Ukraine“, der baltischen Staaten, Finnlands und der Region Smolensk.
1769 – die russisch-orthodoxe Kirche konfisziert ukrainische Bücher für Grundschüler zum Erlernen der Schriftsprache sowie kirchliche Bücher.
1775 – russische Truppen zerstören die Saporoger Kosakengebiete und beendet die Autonomie ukrainischer Menschen.
1783 – Die Rechte der Bauern werden durch Russland beschnitten. Sie werden den Leibeigenen des russischen Reiches gleichgestellt. Die Bauern verlieren ihre Freiheit.
1784 – Verbot der ukrainischen Sprache in Grundschulen im Zuge der Russifizierung.
1786 – Verbot der ukrainischen Sprache in Kirchen und Universitäten.
Halt! Fast hätte ich es vergessen:
1745 – Maksym Beresowskji wird geboren. Er wird einer der bedeutendsten ukrainischen Komponisten werden, er hat zusammen mit Wolfgang Amadeus Mozart in Bologna studiert, er gehört zu den bedeutendsten europäischen Komponisten der Klassik. In Bologna erinnert eine Gedenktafel an ihn. Er wird vergessen werden. Seine Werke werden verloren gegangen sein - und in der ganzen Welt verstreut.
Musik 3 – Violinsonate Beresowskyj
1817 – die Akademie in Kiew, das wichtigste Wissenschaftszentrum der Ukraine, wird geschlossen und ein russisch-orthodoxes theologisches Seminar gegründet.
1831 – Die Selbstverwaltung ukrainischer Städte wird abgeschafft.
1842 – Mykola Lysenko wird geboren. Er wird als der Gründer klassischer ukrainischer Musik in die Geschichte eingehen. Er begann mit dem Sammeln ukrainischer Volkslieder. Er studierte in Leipzig und in St.Petersburg. Er wird dort ein berühmter Konzertpianist, aber sein Kampf für ukrainische Kultur wird unterdrückt, so das er das St. Petersburger Konservatorium verlassen muss. Eine Anstellung als Kapellmeister verweigert er, weil die Oper ukrainische Werke unterdrückt und nur noch auf russisch spielt. Er kehrt nach Kyiv zurück und wird zum ersten Erfinder eines eigenständigen ukrainischen musikalischen Nationalstil.
Musik 4 – Anfang 2.Rhapsodie Lysenko (Klavier)
1847 – die Kyrill- und Methodius-Bruderschaft, eine Geheimorganisation für soziale und nationale Gleichzeit, gegen Leibeigenschaft und für Autonomie, zu der auch der Dichter Taras Schvchecnko gehört, wird von Russland in einem Massaker zerstört.
1862 – Die Sonntagsschulen zur Verbreitung der ukrainischen Sprache werden geschlossen. Begründung: „schändliche Lehren“ und „ungeheuerliche Ideen“.
1863 – Der Druck ukrainischer Bücher wird massiv eingeschränkt.
1876 – Der Emser Erlass von Zar Alexander II. – Theateraufführungen, Notentexte und Druckschriften sowie Lesungen auf ukrainisch werden verboten, um „staatsgefährdende Tätigkeiten zu unterdrücken“. Die ukrainische Sprache wird als „Dialekt“ bezeichnet. Theaterstücke werden auf russisch oder französisch aufgeführt.
1888 – ukrainische Namen werden verboten. Als Behördensprache in der Ukraine wird russisch angeordnet. Das Dekret bleibt bis 1905 in Kraft.
1888 – Ich, Wasyl Barwinskyj werde geboren.
Musik 5 – 5.Präludium Barwinskyj (Klavier)
Lichtwechsel
Sprecherin:
1948 - Wir befinden uns in Sibirien. Hier, allein am Tisch, nicht müde, nein zerstört von der Arbeit, vom Steine schleppen, sitzt Wasyl. Wasyl Barwinskyj. 60 Jahre alt.
Wie komme ich hierher?
Meine Frau und ich wurden zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt und in zwei verschiedene Konzentrationslager nach Sibirien verschickt. Wir leben nun in Sibirien, freundlicherweise haben die Sowjets uns 30km voneinander entfernt untergebracht.
Wir dürfen uns treffen. Dreimal in 10 Jahren.
Wir dürfen nicht ukrainisch sprechen. Wir sind in Sibirien, im Gulag, und selbst hier wird uns verboten, unsere Sprache zu sprechen! Wenn die Zwangsarbeit mich nicht zerstört, dann hoffen sie, meine Seele zu zerstören, indem sie mir meine Sprache wegnehmen.
Liebe Feinde, es wird euch nichts nutzen.
Wir sehen uns. Wir weigern uns zu sprechen. Alles was ich dir, liebe Frau, sagen möchte, lege ich in diese Komposition. Hör gut zu. Du wirst verstehen, was ich fühle und wie sehr ich dich vermisse.
Musik 6 - 2.Satz Trio Barwinskyj (Violine, Cello, Klavier)
Mein Name ist Wasyl. Ich bin ein vergessener Mann. Ich bin Ukrainer. Das sagt schon alles. Ich habe seit meiner Geburt mein Land immer besetzt erlebt: Österreicher, Polen, Nazis und Sowjetrussen. Ich bin Dirigent. Lehrer. Musiker. Komponist. Viele kannten meine Musik, sie wurde in Europa, in Amerika, in Japan gespielt. Das ist keine 20 Jahre her. Meine Aufgabe ist es, ukrainische Musikgeschichte zu pflegen und vor der Vernichtung zu retten. Meine Aufgabe ist es zu komponieren.
Warum bin ich verhaftet und ins Arbeitslager deportiert worden? Hab ich ein Verbrechen begangen? Ja: Ich bin ukrainischer Künstler, und ich bin sehr bekannt in der Ukraine. Das sind zwei Verbrechen für die Sowjetrussen. Meine Werke sind verboten. Meine Handschriften sind verbrannt worden. Jetzt soll ich vernichtet werden.
Liebe Frau. Wie können wir überleben? Wie können wir überleben? Wie können wir Hoffnung schöpfen? Ohne Hoffnung sterben wir.
Musik 7 - aus: Cello-Konzert Barwinskyj
Sprecherin:
Ein Jahr nach der Geburts Barwinskyjs, im Jahr 1889: – Levko Revutsky wird geboren. Ihr kennt Revutsky nicht? Den Klassiker der ukrainischen Musik zu Beginn des 20.Jahrhunderts? Den Mann, über den geschrieben wird: „Er nahm mit weit geöffneten Augen die Welt in einem Wechsel fantastischer Formen, luxuriöser Farben und Gerüche war. Diese Visionen verkörperten sich in seinen Klavierstücken und spiegelten seine eigene Erfahrung von Schönheit wider.“ Wollen Sie ihn kennenlernen?
1889 – alle Sprachen sind in Kiew erlaubt, nur ukrainisch ist verboten. Die Verbreitung ukrainischer Literatur und Identität soll verhindert werden. Sie gilt als Bedrohung der russischen Vorherrschaft.
1894 – die Einfuhr ukrainischer Bücher in die Ukraine wird untersagt.
1895 – Der Druck ukrainischer Kinderbücher wird verboten.
1896 – Viktor Kosenko wird geboren. Seine Geschichte bleibt geheimnisvoll. Er hat die schönsten Kinderlieder geschrieben, er war der (Neo-)Romantiker des frühen 20.Jahrhunderts, der noch die Harmonieren suchte, als die Welt schon in Trümmern lag; zu dem die größten Musiker Europas gepilgert sind.
Ab 1906 – Es gibt Unruhen, Parteigründungen im Gebiet der Ukraine. Universitäten fordern Lockerungen – Russland lehnt ab.
1908 – die russische Regierung verkündet per Dekret: die ukrainische Sprache und das Lernen der Sprache seien schädlich und gefährlich für Russland.
1910 – Ukrainer und die sich als solche bezeichnen, werden offiziell als „Fremdpersonen“ (Ausländer) bezeichnet.
1913 – der Besuch ukrainischer Theateraufführungen wird verboten.
1914 – Zar Nikolai II. verbietet Taras Shevchenkos Werke anlässlich seines 100.Geburtstags: „Mit der Verbreitung seiner Gedichte in der Ukraine könnten Ideen über die Möglichkeit des Bestehens der Ukraine als eines selbständigen Staates Wurzeln schlagen“. Das Verbot führt zu erheblichen Unruhen.
Taras Shevchenko wurde 1814 geboren. Er gilt als der Erfinder der modernen ukrainischen Literatur und Sprache. Er wurde dreimal verurteilt und verbannt. Seine Dichtung galt als „revolutionär“ und gegen Russland gerichtet eingestuft. Er war Maler und Dichter. Das Schreiben wurde ihm verboten - er schrieb weiter, heimlich und unter falschem Namen. Die Stifte wurden im weggenommen – er malte mit Kohlestücken weiter. Er starb mit 59 Jahren an den Folgen seiner Haftstrafen. Sein Leichnam wurde in die Ukraine gebracht und am Ufer des Flusses Dnepr beigesetzt.
1918 – Die Ukraine erklärt sich für unabhängig. Die Sowjetunion stürzt die Regierung und errichtet die „Ukrainische sozialistische Sowjetrepublik“.
Das war eine kleine Auswahl. Und so geht es weiter. Bis heute.
Und? Es funktioniert nicht. Die ukrainische Sprache, dermaßen Tag für Tag, Jahr für Jahr vernichtet, verboten und unter Druck gesetzt, existiert weiter. Existiert als Lebenszeichen, das nicht auszulöschen ist, als ein Zeichen der Rebellion gegen Bevormundung aus Russland, als Schrei nach Freiheit, als Gesang des Vogels, der kein Recht hat zu singen und dennoch immer weiter und weiter singt.
Doch jetzt, wir sind in der Zeit zwischen 1. Und 2.Weltkrieg gelandet, jetzt stürzt der Vogel in den Abgrund. Es reicht dem neuen Sowjetreich nicht mehr, die ukrainische Sprache zu verbieten. Jetzt geht es ans Massenmorden.
1918 – Sowjet-Truppen massakrieren 300 Kiewer Gymnasiasten und Studenten, die sich zur Verteidigung ihrer Heimat in der Nähe von Kruty erheben. Nach der Eroberung von Kiew erschießen die Moskauer Bolschewiken innerhalb weniger Tage 5.000 Menschen, die ukrainisch sprechen, ukrainische Nationalkleidung tragen oder ein Porträt von Taras Schewtschenko in ihren Häusern hängen haben. Die Sowjets zerstören in Kiew unschätzbare kulturelle, künstlerische, architektonische Schätze und töten Tausende Menschen.
1919 - Verbot aller ukrainischen literarischen, dramatischen und mündlichen Werke, darunter 300.000 ukrainische Volkslieder.
1922 - Der Chef der Tscheka, Feliks Dserschinski, befiehlt die Gefangennahme und Vernichtung ukrainischer Waisenkinder. Lastkähne mit Waisenkindern werden im Schwarzen Meer versenkt.
1922-1934 - Ukrainische Musikinstrumente - Kobza, Bandura und Leier - werden für nationalistisch erklärt und zerstört.
1929-30 - Verhaftung prominenter Persönlichkeiten der ukrainischen Wissenschaft, Kultur, Bildung und Kirche sowie Prozess gegen die Union zur Befreiung der Ukraine in Charkiw.
1932-33 - Aktion zur Vernichtung der ukrainischen Bauern mit der still schweigenden Zustimmung der Weltgemeinschaft: Holodomor (ukrainisch: Tötung durch Hunger). In der Ukraine verhungern mindestes 4 Millionen ukrainisch sprachige Menschen.
1933-41 - Vernichtung und Verhaftung von 80 % der ukrainischen Intelligenz durch die russischen Besatzungsbehörden: Ingenieure, Wissenschaftler, Schriftsteller, Ärzte, Lehrer. Vor 1938 wurden jährlich 259 ukrainische Schriftsteller veröffentlicht, nach 1938 noch 36. Von den 223 verschwundenen Schriftstellern sterben nur sieben eines natürlichen Todes. Die übrigen werden erschossen oder in Konzentrationslagern inhaftiert
In den 1930er Jahren und später ist es verboten, die Geschichte der Ukraine zu erforschen und den Holodomor zu erwähnen.
Musik 8 - „Stchedryk“ von Leontowitsch
Sprecherin:
Die dunkelste Nacht - Gedicht von Chubay (Vater)
So schleicht sich heran, die dunkelste Nacht der Welt
Und verdeckt mein einziges Fenster
Und verdeckt mit grünen Augen, das zertretene rote Gras,
Das mir wie ein angeschossener Vogel erschien.
Doch jener Vogel konnte einfach nicht fliegen.
Die Nacht verdeckt mit ihren Händen den verdorrten Baum,
Die Nacht verdeckt die brennende Sonne, und verdeckt
Mit bedachten Worten eine sehr traurige Melodie.
Ich sehe nichts mehr als nur diese Nacht.
Doch ich höre nur, wie irgendwo weit, weit entfernt,
Jenseits ihrer Hände, Jenseits ihrer Lippen, Jenseits ihrer Augen
Plötzlich mit Flügelschlag das rote Gras über uns lange fliegt.
So schleicht sie sich heran –die dunkelste Nacht der Welt.
Und sie verdeckt mein einziges Fenster.
Mit grünen Augen verhüllt sie das zertretene rote Gras,
das mir wie ein angeschossener Vogel erschien.
Ein Vogel, der nicht mehr fliegen konnte.
Die Nacht legt ihre Hände über den vertrockneten Baum,
verdeckt die brennende Sonne und mit überlegten Worten
erstickt sie eine traurige Melodie.
Ich sehe nichts mehr –nur noch diese Nacht.
Doch aus der Ferne, fern von ihren Händen, fern von ihren Lippen, fern von ihren Augen,
höre ich plötzlich das rote Gras mit Flügeln schlagen –es fliegt lange über uns.
Musik 9 - ?
Und so geht die Geschichte weiter und immer weiter. So geht es bis heute. Eine Geschichte der Verfolgung und Auslöschung.
Und? Es funktioniert nicht.
Die ukrainische Sprache, dermaßen Tag für Tag, Jahr für Jahr vernichtet, verboten und unter Druck gesetzt, existiert weiter. Existiert als Lebenszeichen, das nicht auszulöschen ist, als ein Zeichen der Rebellion gegen Bevormundung aus Russland, als Schrei nach Freiheit, als Gesang des Vogels, der kein Recht hat zu singen und dennoch immer weiter und weiter singt.
Lichtwechsel
Sprecherin:
Wasyl träumt Musik und schreibt im Geist fiktive Nachrichten an seine Vorgänger, Nachfolger und Freunde.
Lieber Maxim Beresowskyj, du bist nicht vergessen. Erst nach der Unabhängigkeit der Ukraine 1990 werden deine Werke wiederentdeckt. Nur wenige deiner Kompositionen sind erhalten geblieben. Maxim, du wirst wieder gespielt in den Konzertsälen, mehr und mehr! Noch immer gibt es kein Museum, das dich ehrt. Aber eine kleine Straße in Kyiv trägt deinen Namen. In dem Städtchen Hluchiv gibt es ein Denkmal.
Musik 10 – 3.Satz Violinkonzert Beresowskyj (Violine)
Lieber Mykola Lysenko! Das Konservatorium in meiner lieben Stadt Lwiw, das Opernhaus in Charkiw, der Säulensaal der Philharmonie in Kyiw trägt deinen Namen! Wie sehr ich mich freue. Levko, als du gestorben bist, im Jahr 1912, da nahmen 100.000 Menschen am Trauerzug zu deiner Beerdigung teil.
Musik 11 – Rapsody Lysenko (Klavier)
Lieber Levko Revutsky. Du lebst! Die Machtpolitik der Sowjets duldet deine Freiheit nicht und nicht deine Kreativität. Sie sagen: Du sollst einfacher komponieren, du sollst kommunistische Ideen fördern, du solltest nicht so individuell sein! Ich sehe dich immer weniger schreiben. Gib nicht auf, Levko! Ich sehe, wie schrecklich unerträglich der Tod deines Bruders ist, der vom russischen Geheimdienst brutal ermordet wurde. Du hast deine dritte Symphonie selbst vernichtet, aus Angst vor Zensur. Du bist der Mann, der nie lächelt. Mein lieber Levko! - Stalin hat versucht, dich mit Preisen und Ehrungen zum „Russen“ zu machen und versucht, dafür deinen Gehorsam zu erlangen. Du hast dich nicht kaufen lassen. Aber du hast aufgehört zu komponieren. Levko, du sanfter, sensibler, verletzlicher, gefühlvoller Mann, du bist 88 Jahre alt geworden, und hast in nur wenigen Jahren unvergessliche Werke komponiert. Mehr haben die Russen nicht zugelassen. Aber sie haben dich nicht ganz zum Verstummen gebracht:
Musik 12 - Revutsky (Cello)
Lieber Viktor, du lebst in Kiew in einem winzigen Zimmer ohne Heizung. Viele deiner Werke und Schriften sind abhandengekommen, niemand weiß genau, wer sie vernichtet hat. Mit 42 Jahren stirbst du in großer Armut. Ich werde Blumen an dein Grab legen. Du bist einer der größten aller Zeiten. Ich verehre dich. (mehr Material?)
Musik 13 – Suite 2.Satz Kosenko
Sprecherin:
Das war eine kleine Auswahl. Und so geht es weiter. Bis heute.
Und? Es funktioniert nicht. Die ukrainische Sprache, dermaßen Tag für Tag, Jahr für Jahr vernichtet, verboten und unter Druck gesetzt, existiert weiter. Existiert als Lebenszeichen, das nicht auszulöschen ist, als ein Zeichen der Rebellion gegen Bevormundung aus Russland, als Schrei nach Freiheit, als Gesang des Vogels, der kein Recht hat zu singen und dennoch immer weiter und weiter singt.
1990 – als die Sowjetunion zusammenbricht, erklärt sich die Ukraine für unabhängig.
1991 stimmen 90,3% der Ukrainer für die Unabhängigkeit des Landes.
2014 – Der „Maidan“, bekannt als Revolution der Würde und der Hinwendung nach Europa, auf dem Platz der Unabhängigkeit in Kyiv, bringt den Willen der Bevölkerung zum Ausdruck, für ihre Freiheit und eine europäische Zukunft zu kämpfen. Im gleichen Jahr überfällt Russland die Krim und anektiert sie. Acht Jahre später, im Februar 2022, beginnt Russland den Krieg gegen die gesamte Ukraine.
Sprecherin:
Entschuldigen Sie, ich bin es noch ein letztes Mal, Wasyl Barwinskyj: Heute, es ist das Jahr 1958, erhalte ich die Nachricht, dass ich aus dem Konzentrationslager der Sowjets entlassen werde.
Ich lebe noch 5 Jahre. Die verdammte Zwangsarbeit hat meinen Körper zerstört. Aber nicht meine Seele. Sie haben mich nicht vernichtet, sie haben mich gestärkt: Bis zu meinem letzten Lebenstag sammle ich Werke von ukrainischen Künstlern und rekonstruieren sie und stelle meine eigenen Werke aus dem Gedächtnis wieder her. Nur dieses verdammte Konzert für Klavier und Orchester – ich kriege es nicht mehr zusammen.
Liebe … (Frau)… ich denke an dich. Ich liebe dich. Du bist… (was wissen wir über seine Frau?). Ich sterbe im Jahr 1963, in meinem wunderschönen Lwiw. Ihr Deutschen sagt Lemberg dazu.
Vorgestern sind Bomben auf Lwiw gefallen…
Ich liege dort auf dem Lytschakiwski-Friedhof. Ihr könnt mich besuchen, wenn der Krieg, dieser verdammte Krieg, vorbei ist. Vergesst nicht: solange ihr euch erinnert, leben wir weiter.
Sprecherin:
Ein vorgestellter Brief der Nachfahren an Wasyl Barwinskyj.
Yaromyr:
„Lieber Wasyl, nach deinem Tod blieben die Noten für dein Konzert für Klavier und Orchester – wie so viele andere - verschollen. Der Pianist Roman Savyckyj und sein Sohn haben sich jahrzehntelang auf die Suche danach gemacht und schließlich eine Anzeige in eine Zeitung gesetzt: „Wer weiß etwas über das Barwinskyj-Konzert für Klavier und Orchester?“
Am 9.Juni 1993 – genau an deinem 30.Todestag, lieber Wasyl, kommt eine Nachricht aus Argentinien. Ja, du hörst richtig: aus Argentinien. Dort wurden deine Noten wiedergefunden. Mit dem Konzert feiern wir Dein Gedenken. Und dieses Konzert wurde und wird heute wieder und wieder gespielt. Lieber Wasyl, es gibt eine regelrechte Barwinskyj-Renaissance. Hättest du das gedacht, damals in der Verbannung in Sibirien?
Hier und jetzt spielen wir zum Schluss noch ein kleines Stück von dir. Für dich und deine Frau, und für alle Ukrainerinnen und Ukrainer, die überlebt haben und überleben werden, was immer geschieht.“
Deine Olga Glybowych, Emmanuel Matz und
Dein Yaromyr Bozhenko.
Musik 14 – Trio 3.Satz Barwinskyj (Violine, Cello, Klavier)
Ende.
Konzertlesung über verfolgte ukrainische Dichter und Komponisten
Mit Olga Glibovych (Violine), Emanuel Matz (Cello), Yaromyr Bozhenko (Klavier) und Pauline Kastner (Text)
Der Text basiert auf Recherchen und Berichten von Wissenschaftlern und Fachleuten. Recherchiert und zusammengestellt von Yaromyr Bozhenko, für die Bühne geschrieben von Stefan Fischer-Fels (Dramaturgie).
Eine Veranstaltung in Zusammenarbeit mit dem Verein zur Förderung der Städtepartnerschaft Düsseldorf-Czernowitz und Ridne Slowo e.V. im Rahmen der Reihe „Soundtrack zur Freiheit“
Stefan Fischer-Fels
– Leiter des Jungen Schauspiels Düsseldorf –
am 24. Februar 2026
(der 4. Jahrestag des russischen Angriffs auf die Ukraine)