Der Düsseldorfer Komponist und Dirigent Mark-Andreas Schlingensiepen ist nach langer Krankheit gestorben. Seine Arbeit mit dem Notabu-Ensemble war überragend.

Pantomime in einem Akt op. 19 / Sz73 beim Sternzeichen 10 am 8., 10. und 11. Mai 2026 in der Tonhalle mit den Düsseldorfer Symphonikern und dem Städtischen Musikverein unter Adam Fischer

Ein Wort zuvor von Georg Lauer

Die Einladung zur Mitwirkung an der ca. 35-minütigen Aufführung von Béla Bartóks „Der wunderbare Mandarin“ im Sternzeichenkonzert am kommenden Wochenende erreichte den Chor erst nach Drucklegung des Tonhallen-Jahresprogramms „OTON“. Der nur 18 Takte umfassende vierstimmige Vokalisen-Gesang zum Ende des Werkes dauert keine zwei Minuten, der Probeneinsatz hält sich also in Grenzen. Dennoch ergeben sich Fragen, z.B. nach der Bedeutung und Wichtigkeit dieser gesungenen Takte für das Gesamtwerk? Warum waren sie wohl dem Komponisten für die Uraufführung 1926 so wichtig? Hat der ungarische Dirigent 100 Jahre später spezielles Interesse, das Werk seines Landsmannes mit ungeschmälert Authentizität zur Aufführung zu bringen? Welche Erinnerungen haben Einzelne im Chor an einen zurückliegenden Einsatz? Den letzten gab es vor fast 20 Jahren im Februar 2007 in der Tonhalle unter der Leitung des dänischen Dirigenten Michael Schønwandt, als Mitschnitt unter der Vol.-Nr. 106 auch im Schallarchiv des Musikvereins festgehalten. Seine weitere 10 Jahre zurückliegenden Elias-Aufführungen in Berlin, Düsseldorf und Duisburg sind für einige unter uns weitaus erinnerlicher!

Wie nun frischt man seine Erinnerungen am schnellsten auf? Man besucht z.B. seine private Archivablage, findet das Programm von 2007 nebst Besetzungsliste von Chor und Orchester und dazu eine perfekte Werkeinführung! Darüber hinaus erreicht man durch Google-Eingaben wie „Bartók Mandarin (Musikverein)“ ein großes Angebot an YouTube-Konzert-Aufnahmen mit und ohne Chor, in der Originalfassung der Uraufführung als Pantomime oder in der kürzeren Fassung als Suite, die Bartok nach der Uraufführungskatastrophe neu einrichtete. Diese hat Adam Fischer bereits im März 2022 zur Tonhallenaufführung gebracht.

Adam Fischer
Menyhért (Melchior) Lengyel

Durch weitere Recherchen gewinnt man zusätzlich Informationen über den Librettisten des Stückes, den ungarischen Dramatiker jüdischer Abstammung Menyhért (Melchior) Lengyel (* 12.01.1880 in Balmazújváros; † 23.10.1974 in Budapest), der als Korrespondent für ungarische Zeitungen in der Schweiz begann und in Deutschland und Österreich ein bekannter Journalist, Autor und Kritiker wurde, der zahlreiche Theaterstücke veröffentlichte und Freundschaften mit Ernst Lubitsch und anderen deutschen Theatergrößen knüpfte, mit denen er später in Hollywood zusammenarbeitete. Seine Geschichte Der Wunderbare Mandarin erschien 1916 als „pantomime grotesk".

Auch lernt man die Bedeutung der Abkürzung „Sz73“ kennen, mit der die Opus-Angaben der Werke Bartóks ergänzt werden. Der ungarische Komponist und Musikwissenschaftler András Szőllősy, (* 27.02.1921 in Orăștie in Siebenbürgen; † 6.12.2007 in Budapest) hat das chronologisch geordnete Werkverzeichnis 1956 für die Kompositionen seines Landsmannes Béla Bartók (*25.03.1881 in Nagyszentmiklós, Österreich-Ungarn; † 26.09.1945 in New York) eingerichtet.

Die Googlesuche führt auch direkt zu Seiten des Musikvereins und zu Informationen über Zeit, Ort und Dirigent zurückliegender Konzerte bis hin zu kritischen Nachbetrachtungen von Werk und Aufführungen. Einleitende Vorbesprechungen von Veranstaltern thematisieren den Stoff der Groteske um Prostitution, Raub und Mord und machen den Konzertbesucher mit den handelnden Personen - den drei Strolchen (Zuhälter), dem Mädchen (Prostituierte), dem alten Kavalier, dem Jüngling sowie dem Mandarin - und dem Handlungsablauf bekannt.

Beispielhaft lesenswert ist in dieser Hinsicht der im o.g. Programmheft der Tonhalle zum Mandarin-Konzert vom Februar 2007 veröffentlichte Beitrag von Thomas Schulz, der zudem ergänzt wird durch die Erinnerungen des Dirigenten der Kölner Uraufführung von 1926 Eugen Szenkar, die der spätere Düsseldorfer Generalmusikdirektor (1952 bis 1960) 1970 hinterließ. So vorbereitet erschließt sich auch der Minimaleinsatz des Chores zum Schluss der Katastrophe, wenn der von den Strolchen gemarterte Mandarin vereint in den Armen des Mädchens sein Ende findet.

Barbarische Großstadt

Béla Bartók: Der wunderbare Mandarin
von Thomas Schulz


Das Tanzdrama ,,Der wunderbare Mandarin" erwies sich in mehrfacher Hinsicht als Schmerzenskind seines Komponisten Béla Bartók. Im Januar 1917 erschien das von Menyhért (Melchior) Lengyel entworfene Szenario ,,A csodálatos mandarin" in der ungarischen Literaturzeitschrift ,,Nyugat“ (,,Westen"). Bartók war hellauf begeistert und nahm bald darauf mit Lengyel Kontakt auf, um ihn für eine Zusammenarbeit an einer Ballett-Pantomime zu gewinnen. Nach gemeinsamen Planungen für das Libretto entstand die Komposition, zuerst in einer Klavierfassung, innerhalb kurzer Zeit, zwischen Oktober 1918 und Mai 1919. Nach einer mehrjährigen Pause begann Bartök im Sommer 1923 mit der Orchestrierung, die jedoch nicht vor Anfang 1925 beendet war.

Béla Bartók um 1924
Konrad Adenauer 1926

Erste Pläne für eine szenische Aufführung scheiterten - in Budapest, wo man die Premiere für 1926 geplant hatte, ebenso wie in Wien, wo Hofoperndirektor Franz Schalk das Werk ablehnte. Schließlich gelang es dem ungarischen Dirigenten Eugen Szenkar, damals Opernchef in Köln (und von 1952 bis 1960 Generalmusikdirektor in Düsseldorf), den „Mandarin" gemeinsam mit der Deutschen Erstaufführung von Bartóks Oper ,,Herzog Blaubarts Burg" am 27. November 1926 zur Uraufführung zu bringen. Diese Kölner Premiere ist als einer der großen Theaterskandale des 20. Jahrhunderts in die Musikgeschichte eingegangen. Das Publikum tobte, und die Presse schrieb anschließend von einem ,,Dirnenstück der rohsten und brutalsten Instinkte", zu der Bartók eine „Hottentottenkralsmusik" komponiert habe. Der damalige Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer bestellte Szenkar zu sich und verbot kategorisch jede weitere Aufführung des „Mandarin" in seiner Stadt.

Auch für die nächsten Jahrzehnte war dem Opus, zumindest in seiner vollständigen Gestalt als Ballett, wenig Glück beschieden. Nachdem Bartók das Werk für eine geplante Aufführung in Budapest 1931 eigens gekürzt und den Schluss neu komponiert hatte, machte man dort wiederum einen Rückzieher. Ahnend, dass es der ,,Mandarin" weiterhin schwer haben würde, hatte Bartók aus der Partitur bereits 1927 eine Konzertsuite destilliert, damit die Musik

wenigstens konzertant aufgeführt werden konnte, denn, so schrieb er an seinen Verlag, die Universal Edition, ,,meiner Ansicht nach ist dieses Werk das beste, was ich bisher für Orchester geschrieben habe, und es wäre wirklich schade, dasselbe jahrelang begraben liegen zu lassen".

In Budapest gelangte der ,,Mandarin" erst im Dezember 1945, einige Monate nach dem Tod des Komponisten, zur szenischen Erstaufführung, und es dauerte noch lange, bis das Stück sich durchsetzen konnte. Heute jedoch ist es als eine der fesselndsten Kompositionen nicht nur im Oeuvre Bartóks, sondern innerhalb der Musik des 20. Jahrhunderts insgesamt anerkannt. Entscheidend für den Kölner Skandal sowie für die langanhaltende Ablehnung des ,,Mandarin" war mit einiger Sicherheit nicht (nur) die Musik, sondern vor allem die Handlung, die Bartók selbst nach eigener Aussage ,,wunderschön" fand, die jedoch ein Publikum, das Ballett wie ,,Dornröschen" oder ,,Schwanensee" gewohnt war, vor den Kopf stoßen musste:

ln einer heruntergekommenen Großstadtwohnung fordern drei ebenso heruntergekommene Gauner das Mädchen, das mit ihnen in der Wohnung haust, sich ans Fenster zu stellen und Freier heranzulocken, die man gemeinsam auszurauben gedenkt. Nach anfänglichem Sträuben fügt sich das Mädchen. Der erste Kunde, ein schäbiger, aufdringlicher alter Kavalier, hat kein Geld und wird darob von den Strolchen kurzerhand aus der Wohnung geworfen. Ebenso ergeht es einem schüchternen Jüngling, der dem Mädchen wohl gefällt, aber auch kein Bares in der Tasche trägt. Der dritte Besucher schließlich, der exotische und in seiner Starre bedrohlich wirkende Mandarin, jagt dem Mädchen zuerst Angst ein, schließlich jedoch beginnt sie einen zaghaften Tanz, um ihn zu betören. Während dieses Tanzes nähern sich Mädchen und Mandarin immer näher einander an, doch als der Unheimliche die junge Frau erregt packen will, flieht sie, und es entwickelt sich eine wilde Verfolgungsjagd, an deren Höhepunkt die drei Gauner aus ihrem Versteck stürmen und den Mandarin ausrauben. Nun versuchen sie ihn zu ermorden: Zuerst soll er mit einem Kissen erstickt werden, dann durchbohrt man ihn mit einem rostigen Schwert, schließlich hängen ihn die Strolche an einem Lampenhaken auf - doch alles vergebens: Die Augen des Mandarins heften sich begehrlich auf das Mädchen. Schließlich befiehlt dieses den Strolchen, den Mandarin vom Haken zu nehmen. Sie ist ihm zu Willen, die Wunden des Mandarins beginnen zu bluten, und er kann endlich sterben.

Auf den ersten Blick liest sich dieses Szenario wie eine brutale ,,Sex arid Crime"-Geschichte, doch sowohl Bartók als auch Lengyel war keineswegs daran gelegen, dem Publikum lediglich das Gruseln zu lehren. Es handelt sich vielmehr um eine letztlich äußerst tiefsinnige Kritik an der entmenschten großstädtischen Gesellschaft, die der Natur - auch der des Menschen - konträr entgegengesetzt ist. Als Symbol für die unmenschliche Kälte der Großstadt fungieren die drei verbrecherischen Strolche. Deren Gegenpol ist der Mandarin als zivilisationsferner Naturmensch, Verkörperung ungreifbarer Urkräfte sowie des Willens schlechthin. Eigentliche Hauptfigur jedoch ist das Mädchen, das dem Umfeld der Strolche entstammt, aber im Laufe der Handlung ihre - menschliche, nicht erotische - Zuneigung zu dem Mandarin entdeckt, den sie nur erlösen kann, indem sie sich opfert, d.h. sich ihm hingibt. Der Tod des Mandarins ist ein Liebestod, nicht schwärmerisch überhöht wie bei ,,Tristan und Isolde", doch nicht weniger berührend. Dies erkannte auch Hermann Unger, der in einer der wenigen verständnisvollen Kritiken nach der Kölner Uraufführung bemerkte, in Bartóks „Mandarin" spiegele sich ,,das alte Lied (...) von der Unsterblichkeit der Liebessehnsucht" wider: „Wer also will hier Sittenrichter spielen? Der es wollte, müsste mit gleichem Recht Pucccinis ,Tosca' mit ihren Folterszenen (...) ablehnen."

Die Musik des ,,Wunderbaren Mandarin" ist die härteste, dissonanteste und kompromissloseste, die Bartók je zu Papier brachte. Bereits vor Kompositionsbeginn schrieb er an seine Frau: „Ich denke bereits über den ,Mandarin' nach: wenn es gelingt, wird es eine höllische Musik werden. Der Anfang - schrecklicher Krawall. Gerassel, Geklirre, Getute: Aus dem Straßenlärm einer Großstadt führe ich den geschätzten Zuhörer in ein Apachenlager."

Nun bietet aber die Partitur weit mehr als nur den ,,schrecklichen Krawall" der Einleitung und die elementaren, barbarischen Rhythmen der zentralen Verfolgungsjagd. Ebenso trägt die Musik, etwa in dem der Jagd vorausgehenden Tanz des Mädchens mit dem Mandarin, der sich zu einem leidenschaftlichen Walzer steigert, einen zutiefst sinnlichen Charakter, der Bartóks kompositorische Herkunft aus der Spätromantik keineswegs verleugnet. Faszinierend auch, wie sich gerade in diesem Tanz die Melodik des Mädchens, die ursprünglich aus dem motivischen Material der Gauner, sprich der Großstadt, entwickelt wurde, immer mehr dem charakteristischen Kleinterzmotiv des Mandarins (das bei dessen erstem Erscheinen drohend von den Blechbläsern herausgeschleudert wird) annähert Im letzten Drittel der Partitur nimmt die Musik dann geradezu metaphysische Dimensionen an - vor allem, wenn der Mandarin am Lampenhaken hängt, sein Körper laut Schilderung im Libretto ,,grünlich-blau zu leuchten" anfängt und der nur an dieser Stelle auftretende wortlose Chor immer wieder seufzend das Klein-terzmotiv intoniert. Am Schluss jedoch gibt es keine Überhöhung: Einige lakonische, mit Glissandi der Kontrabässe unterlegte Gesten illustrieren das Ende des Mandarins.

Der Dirigent der Uraufführung, Eugen Szenkar

Eugen Szenkar,
schrieb 197O

Wie soll ich aber beschreiben, welchen Skandal dieses Werk beim Publikum und besonders der Presse hervorrief! Am Schluss der Aufführung gab es ein Pfeifkonzert und Pfui-Rufe! Bartók war anwesend, wie er überhaupt bei allen Proben im Zuschauerraum saß! Der Skandal war so ohrenbetäubend und drohend, dass der eiserne Vorhang fallen musste! Trotzdem hielten wir durch und hatten keine Angst, vor dem Vorhang zu erscheinen, wo-rauf die Pfiffe erst recht fortgesetzt wurden! Wohl waren einzelne Bravo-Rufe zu hören, aber das alles ging im Tumult verloren! Dann aber kam der nächste Tag: die Kritik! Was sich da besonders in der katholischen „Volkszeitung“, dem Blatt der Zentrumspartei tat, ist kaum nachzuerzählen! Doch mein guter Freund ließ sich nicht beirren, er wünschte un-bedingt eine kleine Korrektur in der Klarinettenstimme einzutragen, und seine einzige Sorge war, bald in die Oper zu gehen und die Stimme aus dem Orchestermaterial heraus-zusuchen! So war Bartók!

Inzwischen aber kam ein Anruf vom Oberbürgermeisteramt, ich möge unverzüglich ins Amt kommen. Ich ahnte Böses! Dr. Adenauer empfing mich kühl und reserviert, rückte aber sogleich mit der Sprache heraus, machte mir bitterste Vorwürfe, wie es mir hätte einfallen können, so ein Schmutzwerk aufzuführen und forderte die sofortige Absetzung des Werkes! Ich versuchte ihn von seinem Irrtum zu überzeugen, Bartók wäre unser größter zeitgenössischer Komponist, man möge sich nicht vor der musikalischen Welt lächerlich machen! Doch er verharrte auf seinem Standpunkt, dass das Stück vom Spielplan verschwinden müsse!

Ich war sehr niedergeschlagen und erwog, meine Demission einzureichen! Als Bartók davon hörte, beschwor er mich, nichts dergleichen zu tun, ich solle weitermachen! […] Er war rührend, so groß, so einfach!…


Weitere empfehlenswerte Links:

Georg Lauer
– Chefredakteur - NeueChorszene (NC) Digital + Schallarchiv –

am 6.5.2026

Quelle: Programmheft der Tonhalle Düsseldorf für das 6. Symphoniekonzert Jg. 2006/07 am 9./11./12.02.2007