„DÜSSELDORF SINGT“ Orff: Carmina Burana

Wollte man ein geflügeltes Wort aus dem Osten Deutschlands der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts übernehmen, würde man sagen können „Wir sind der Chor!“ Schwellenangst ist eines der größten Hindernisse, mit denen der klassische Konzertbetrieb seit jeher zu kämpfen hat. Eine solche Barriere abzubauen war ein wichtiger Grund für das hier dokumentierte Konzertevent. Der Chor des Städtischen Musikvereins zu Düsseldorf hatte erstmals in seiner Geschichte ein derart breit angelegtes „Mitsingprojekt“ angeboten. Dieses Vorhaben gliederte sich in zwei Teile: zunächst bot der Chor an, sich zwanglos in die Probenarbeit zu Carl Orffs Carmina Burana, einem der populärsten Stücke der Orchester-Chor-Literatur, einzugliedern. Zur Überraschung nicht weniger fanden sich am Ende der Probenarbeit 40 neue Sängerinnen und Sänger auf der Bühne der Tonhalle wieder. Der Musikvereinschor hatte damit rein zahlenmäßig wieder eine Konzertstärke von über 180 (!) was dem Stand von 1978, dem Jahr der Tonhalleneröffnung entsprach. Das musikalisch wie menschliche Ergebnis war über die Maßen zufriedenstellen, und zwar sowohl für die Mitwirkenden wie später dann für die Zuhörer des „fertigen“ Konzertes.

Der zweite Aspekt war das Experiment, die Trennungslinie zwischen Konzertbesuchern und Ausführenden zu durchbrechen. Hierfür stand der erste Teil des außergewöhnlichen Konzertabends zur Verfügung. Die Chordirektorin des Städtischen Musikvereins, Marieddy Rossetto, griff auf ein bewährtes „Credo“ der „SingPause“ zurück: Jeder kann singen! Das zu beweisen ist ihr –wie nachzuhören ist- eindrücklich gelungen. Und noch etwas: Der Abend zeigte beeindruckend auf, wie es zu dem kommen kann, was der Konzertbesucher als „fertiges Produkt“ genießen darf. Die Verbindung von eigenem Erleben, Gestalten, Produzieren hin zum Konzerterlebnis der Carmina Burana im zweiten Teil des Abends gab den Menschen in der Tonhalle völlig andere Gefühle und Erkenntnisse mit auf den Heimweg, als dies wohl bei einem „gewöhnlichen“ Konzertbesuch der Fall gewesen wäre.

Jedenfalls konnten sich bis dato die Verantwortlichen des Städtischen Musikvereins keine effektivere Sympathie- und Mitgliederwerbung vorstellen. Schon dafür hat es sich mehr als gelohnt!


Leslie Suganandarajah