Gedenken an die Pogromnacht 1938 – ein Erlebnisbericht

Am heutigen 8. November fand im Plenarsaal des Rathauses die zentrale Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht 1938 statt und ich erlaube mir, Ihnen als Gast der Veranstaltung hiervon zu berichten. Dieser Bericht ist mir ein persönliches Bedürfnis, da ich der Auffassung bin, dass jede Gelegenheit genutzt werden muss, die momentane Entwicklung oder Fehlentwicklung unserer Gesellschaft kritisch zu betrachten und in mehr als deutlicher Weise zu hinterfragen. Die Veranstaltung gestaltete sich in ihrem Programmablauf wie folgt:

Die große Düsseldorfer Synagoge an der Kasernenstraße brennend in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938
Die große Düsseldorfer Synagoge an der Kasernenstraße brennend in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938
  • Schülerinnen und Schüler des Georg-Büchner-Gymnasiums unter Anleitung der Schauspielerin Julia Dillmann vom Theaterkollektiv Pièrre.Vers stellten die "Polenaktion" aus dem Oktober 1938 dar und machten durch überlieferte Wortbeiträge deutlich, in welch brutaler Weise sich das Leben von 441 Düsseldorfer Juden und mehr als 16.000 deutschen Juden von jetzt auf gleich veränderte. Diese 441 Männer, Frauen, Kinder wurden ohne Vorwarnung an die polnische Grenze gebracht und nach Polen ausgewiesen. Die eindrückliche Schilderung der jungen Schülerinnen und Schüler zu diesem Ereignis ging an das Herz aller Zuhörer*innen.
  • Danach stand auch Oberbürgermeister Thomas Geisel bei seiner einfühlsamen und sehr eindrücklichen Eröffnungsrede unter dem Eindruck des gerade Erlebten. Mit eindringlichen Worten erinnerte er an unsere Verantwortung in dieser unruhigen Zeit und gab ein deutliches Bekenntnis der Landeshauptstadt Düsseldorf für den Schutz und die Unterstützung der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf ab, verbunden mit einem mehr als deutlichen Bekenntnis zu den Werten unserer humanistischen Gesellschaft, die unter allen Umständen mit dem persönlichen Engagement des Einzelnen zu verteidigen sind. Die Klarheit in der Wortwahl des ersten Bürgers unserer Stadt zum Rechtsradikalismus und zum Antisemitismus erlaubten keinen Spielraum für irgendwelche Deutungen.
  • Die folgende Rede von Dr. Oded Horowitz, dem Vorstandsvorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, machte mich und ganz sicher alle Anwesenden sprachlos. Dr. Horowitz machte den Seelenzustand der jüdischen Mitbürger ob der momentanen Ereignisse in Deutschland und nach den Morden von Halle und den Wahlergebnissen in Thüringen in beklemmender Weise deutlich. Seine Schilderung von Gesprächen und Gedanken unter jüdischen Mitbürgern gipfelten in der Frage "Müssen oder sollten wir das Land verlassen?" Basis dieser Gedanken ist eine festzustellende Entwicklung unserer Gesellschaft, die den Jahren 1930-1931 sehr ähnlich ist. Mit großem Recht mahnte er an, dass es, auch bei nachgewiesener deutlicher Steigerung von rechtsradikalen Ausschreitungen und Verbrechen, nach schrecklichen Wortgebilden rechtsradikaler Abgeordneter in deutschen Parlamenten, nach Politikermord und Morddrohungen, und auch nicht nach den furchtbaren Morden in Halle, keinen Aufschrei unserer Gesellschaft gegeben hat und das Wahlergebnis in Thüringen davon ganz offensichtlich nicht beeinflusst wurde.
  • Unter dem Titel "Die Ereignisse des Novemberpogroms" ließen Schülerinnen und Schüler des Friedrich-Rückert-Gymnasiums unter Anleitung der Schauspielerin Anna Magdalena Beetz vom Theaterkollektiv Pièrre.Vers den 9. November 1938 an Hand von Wortbeiträgen betroffener Juden vor unseren Augen lebendig werden. Es entstand eine beklemmende Atmosphäre, die jedem im Saal deutlich machte, wie sich das Leben der damaligen jüdischen Mitbürger brutal veränderte, auch welche Schuld sich die damalige Gesellschaft durch Wegschauen, Ignoranz und verstecktem Antisemitismus aufgeladen hat.
  • Es folgte als "Worte des Gedenkens" die Rede von Carina Gödecke, 1. Viziepräsidentin des Landtags NRW in Vertretung des Landtagspräsidenten. Frau Gödecke rührte die Anwesenden mit ihren überaus wertschätzenden und dankenden Worten an die Jugendlichen und ihres so deutlichen Statements gegen Ausgrenzung, Hass, Intoleranz und Rassismus zu Tränen.
  • Dr. Stephan Holthoff-Pförtner, Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten sowie Internationales in Vertretung für den Ministerpräsidenten des Landes NRW, überraschte zu Beginn seiner Rede mit dem ehrlichen Geständnis, das ihm, und so ging es vielen Menschen im Saal, die sog. "Polenaktion" in dieser Dramatik und mit diesen Folgen nicht bekannt war. Er zeigte sich sehr dankbar für die Arbeit der "Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf", die eine so große Aufklärungsarbeit leistet.
  • Die Veranstaltung beendete Aron Malinsky, Kantor der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, mit dem sehr eindringlich gesungenen Gebet "El male rachamin - G'tt voller Erbarmen"
  • G'tt voller Erbarmen, in den Himmelshöhen thronend,
  • es sollen finden die verdiente Ruhestätte
  • unter Flügeln Deiner Gegenwart,
  • in den Höhlen der Gerechten und Heiligen,
  • strahlend wie der Glanz des Himmels,
  • all die Seelen der Sechs Millionen Juden,
  • Opfer der Shoah in Europa,
  • ermordet, geschlachtet,
  • verbrannt, umgekommen in Heiligung Deines Namens;
  • durch die Hände der deutschen Mörder und ihrer Helfer aus den weiteren Völkern,
  • in Auschwitz, Treblinka, Majdanek, Mauthausen
  • und anderen Vernichtungslagern in Europa.
  • Sieh die gesamte Gemeinde betet für das Aufsteigen ihrer Seelen,
  • so berge sie doch Du, Herr des Erbarmens,
  • im Schutze deiner Fittiche in Ewigkeit
  • und schließe ihre Seelen mit ein in das Band des ewigen Lebens.
  • G'tt sei ihr Erbbesitz,
  • und um Garten Eden ihre Ruhestätte,
  • und sie mögen ruhen an ihrer Lagerstätte in Frieden.
  • Und Sie mögen wieder erstehen zu ihrer Bestimmung am Ende der Tage.
  • Amen.

 

Hiermit fand eine großartige, würdige, anrührende, aber auch persönlich betroffen machende Veranstaltung ihr Ende. Viele Menschen verließen sehr nachdenklich den Plenarsaal und sicherlich werden viele Menschen sich nach diesen Eindrücken hinterfragen. Hoffentlich werden viele dieser Menschen mitarbeiten an der Verbesserung unserer Gesellschaft, um dadurch zu erreichen, dass die von Dr. Horowitz aufgeworfene Frage "Müssen oder sollten wir das Land verlassen?" in unserem und in meinem Deutschland niemand mehr stellen muss.

Manfred Hill

-Vorsitzender-

am 8. November 2019 - 18.45 Uhr

P.S.:

Am Samstag, dem 9.11.2019 um 17.30 Uhr findet im Bachsaal der Johanneskirche, Martin-Luther-Platz 39, 40212 Düsseldorf vom Theaterkollektiv Pièrre.Vers die szenische Theaterinstallation "Schwarz-helle Nacht" statt. Um 19.00 Uhr folgt ein Gottesdienst in der Johanneskirche Düsseldorf.