Igor Stravinsky: Symphonie de psaumes

Fast 55 Jahre liegen zwischen den beiden hier vorliegenden Aufnahmen von Stravinskys Psalmensinfonie. Die Konfrontation, die Jean Martinon 1961 beim Gastspiel des Musikvereins zwischen der Musik des XX. Jahrhunderts und Mozart (Vol. 182) suchte, mag seinerzeit ein gutes Stück revolutionär gewesen sein, für ein internationales Festival aber sicher ein Qualitätsmerkmal, wenngleich auch radikal. Nicht ganz so ist das Düsseldorfer Programm von 2016 zu sehen, das eine Uraufführung von Helmut Oehring „Vokalise eines untröstlichen Engels“ gemeinsam mit dem Stravinsky-Werk neben die hochromantische Vokalise von Sergej Rachmaninow und die populäre 5. Symphonie von Peter Tschaikowsky stellte. Was die Rolle des Chores anbelangt, so war die Psalmensinfonie im Jahr 1961 sicher eine größere Herausforderung als dies im Jahr 2016 der Fall war. Der Chor des Städtischen Musikvereins zu Düsseldorf war inzwischen mit den Anforderungen der –im weitesten Sinne- „Musik der Gegenwart“ deutlich enger vertraut, als dies noch für die 50er und 60er Jahre galt. Der Anspruch, den Jean Martinon 1961 an den Chor stellte, stand aber schon in einem gewissen Gegensatz zum Standart-Repertoire eines Konzertchores damaliger Zeit. Das Publikum in Besancon honorierte jedenfalls eine solche Leistung mit großem, lang anhaltendem Beifall sowie rhythmischen Ovationen. Trotz der aufnahmetechnischen Einschränkungen eines Mono-Mitschnitts sind wir dankbar für das erhalten gebliebene Tondokument aus jener Zeit.
Der, wie es ein Kritiker schrieb, archaischen „Würde“ von Stravinskys neoklassizistischem Meisterwerk vermochte der Chor über ein halbes Jahrhundert später mit Präzision, Durchschlagskraft und interpretatorischer Tiefe gerecht zu werden. Keri-Lynn Wilson, die 48jährige Ehefrau eines der einflussreichsten Musikmanager des 20. Jahrhunderts (Peter Gelb: Metropolitan Opera, Sony, Universal), rückte insgesamt den ganzen Abend ins Opernhafte, was allen Stücken äußerst gut bekam…