Interview mit Frieder Bernius

Die Düsseldorfer Symphoniker und der Städtische Musikverein zu Düsseldorf freuen sich auf ein besonders spannendes Konzertprojekt (am 30.10., 01. und 02.11. in der Tonhalle) zu Ehren zweier großer Jubilare des Jahres 2009: die Aufführung von Georg Friedrich Händels Oratorium "Israel in Ägypten" - und zwar nach der Aufführungsversion, mit der Felix Mendelssohn Bartholdy im Mai 1833 in Düsseldorf solche Furore machte, dass man dem 24-Jährigen das vakante Amt des Musikdirektors anbot.

Als Dirigent konnte mit Frieder Bernius ein idealer Partner gewonnen werden: Gilt er doch gleichermaßen als Spezialist für barocke historische Aufführungspraxis, avancierte Chorarbeit und die geistliche Musik Mendelssohns. Bernius gründete und leitet bis heute den Kammerchor Stuttgart, das Barockorchester Stuttgart, die Klassische Philharmonie Stuttgart und die Hofkapelle Stuttgart. Seine Einspielungen des geistlichen Vokalwerks von Felix Mendelssohn Bartholdy wurden mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet.

Mit Frieder Bernius sprach unsere Dramaturgin Elisabeth von Leliwa

EvL: Sie widmen sich seit den 70er Jahren intensiv der Musik Mendelssohns und haben mit ihrer Gesamteinspielung der geistlichen Vokalmusik ein sehr deutliches Bekenntnis zu Mendelssohn abgelegt. Was gab dazu den Anstoß?

F. Bernius: Weil ich von Mendelssohns Musik sehr angesprochen werde. Das ist eigentlich schon das Wichtigste. Und weil ich mich von niemand habe beeinflussen lassen wollen. Während meines Studiums in den 70er Jahren habe ich gemerkt, dass das Verbot der Nationalsozialisten, seine Musik aufzuführen, immer noch gewährt hat. Obwohl sich das natürlich 1945 offiziell erledigt hatte, war es irgendwie immer noch latent vorhanden. Und gegen ein so offensichtliches Unrecht muss man sich eben besonders einsetzen!

EvL: Also eine Verteidigung eines verkannten Komponisten?

F. Bernius: Das hat sich für mich erst im Laufe der Zeit herausgestellt. Zuerst war ich begeistert von der Musik. Ich habe sie schließlich oft in Konzerten erprobt, bevor ich sie endlich aufgenommen habe. Auf der anderen Seite habe ich aber auch einen Hang zu forschen oder neugierig zu sein. Spannend ist auch das, was noch nie aufgeführt worden ist! Ich habe im Laufe dieser Gesamtaufnahme einige Dinge zum ersten Mal überhaupt aufgeführt und aus dem Autograph selbst übertragen. Das war eben die Situation der 70er Jahre.

Aber wenn jemand etwas gegen Mendelssohn hat, ist es sehr interessant herauszubekommen, warum. Dazu sollte man Psychologen befragen! Ist es wirklich die Auseinandersetzung mit dem Werk - oder sind es die genannten Vorurteile? Damit habe ich mich sehr beschäftigt. Es wird Zeit, dass man dieses Pamphlet von Wagner "Das Judentum in der Musik" einfach vergisst und sich nur noch mit dem Werk Mendelssohns befasst. Dieses Werk ist Gegenwart - und in den 70er Jahren war es nicht vorhanden. Das hat Wagner wirklich geschafft. Und es wird Zeit ihm Paroli zu bieten. Das heißt ja nicht, dass wir gegenüber jeder Note, die ein Komponist geschrieben hat, unkritisch sind.

EvL: Mendelssohn wird oft mit seinem Freund Robert Schumann verglichen - und gern als der Leichtgewichtigere dargestellt.

F. Bernius: Es gibt viele Farben, die man mögen kann, und es gibt viele Ausdruckscharaktere, denen man versucht, gerecht zu werden. Es wäre doch einseitig, würde ich jetzt nur das "Gebrochene" und "Tiefgründige" an Schumann lieben und nicht auch das "Leichtere" und "Heitere" an Mendelssohn. Wobei die geistliche Vokalmusik sicher nicht nur heiter ist! Da ist die Auseinandersetzung mit dem Barocken vorherrschend.

EvL: Dem Dirigenten Mendelssohn verdanken wir auch die Wiederbelebung des barocken Oratoriums. Haben Sie sich schon länger mit diesem Aspekt seines Schaffens beschäftigt?

F. Bernius: Das ist für mich eine neue Aufgabe! Mendelssohn hat ja 1829 die Matthäus-Passion von Bach in einer ganz eigenen Instrumentation aufgeführt. Aber damit wollte ich bisher nichts zu tun haben... ich wollte auch nichts von Mozarts Bearbeitung des "Messias" wissen. Als Dirigent habe ich doch genug Arbeit damit herauszufinden, wie Händel oder Bach ihre Werke gespielt haben wollten. Das ist schon eine Lebensaufgabe! Und darauf dann noch den Geschmack einer späteren Epoche zu setzen… Also habe ich lange überlegt, als ich von der Düsseldorfer Intendanz das Angebot bekam, Händels "Israel in Egypt" in dieser Mendelssohn-Fassung zu machen.
Aber ich habe erkannt, dass diese Aufführung, die Mendelsohn 1833 in Düsseldorf gemacht hat, für das Verständnis des Händel'schen Oratoriums vielleicht so wichtig war wie die Berliner Wiederaufführung der Matthäuspassion für Bach. Und es ist für mich sehr interessant herauszufinden, was er in der Instrumentation verändert hat, was er angefügt hat, was er weggelassen hat. Das ist das Eine.

Das Andere - und das wird so leicht nicht lösbar sein: Es ist natürlich trotzdem ein Zwitter. Werde ich mit meinem Wissen über barocke Aufführungspraxis noch etwas ausrichten können? Wir nähern uns in der Besetzungsstärke mit zwölf ersten Violinen und einem sehr groß besetzten Chor der Aufführung von 1833 an. Muss ich also vieles aus dem barocken Original dem "flächigen" Musizieren opfern, wie es vielleicht eine solch große Besetzung intendiert? Das sind für mich spannende Fragen, die ich erst nach den Aufführungen beantworten kann… Aber gerade das ist reizvoll: Dinge, die man nicht voraussehen kann.

Eine besonders schöne musikalisch-gestalterische Aufgabe ist auch die Trompeten-Ouvertüre, die Mendelssohn seiner Aufführung in Düsseldorf voranstellte. Das ist ein hervorragendes Stück höchster Mendelssohn'scher Qualität. Bei Händel hat man nur eine ganz kurze, einfache Introduktion, die mit dieser bombastischen Mendelssohn'schen Festouvertüre nicht zu vergleichen ist.

EvL: Sie leiten nur sehr selten Laienchöre, arbeiten zumeist mit Profisängern. Wie wird Ihre Zusammenarbeit mit dem Städtischen Musikverein aussehen?

F. Bernius: Das ist wirklich eine Ausnahme. Eine solche Situation ist nicht vergleichbar mit einer Arbeit wie zum Beispiel beim Chorwerk Ruhr, das ich mitbegründet und vier Jahre lang geleitet habe. Dort habe ich alle Sängerinnen und Sänger nach Stimme und sängerischer Ausbildung ausgesucht. Das ist nicht das Kriterium eines Chores wie des Musikvereins. Ich bin aber auch nicht derjenige, der behaupten will, dass man alles durch musikalische Begeisterung einfach wettmachen kann.

Daher machen wir so viele Proben wie möglich! Wir beginnen bereits zwei Wochen vor den Orchesterproben mit unserer gemeinsamen Arbeit. Das war für mich die unverzichtbare Bedingung - auf die man gerne eingegangen ist! Und ich bringe ein weites Herz mit: Ich muss natürlich, mit welchen Ensembles auch immer ich arbeite, Pädagoge sein. Wenn jetzt die Voraussetzungen anders als in meiner gewohnten Umgebung sind, kann ich trotzdem versuchen, mich darauf einzustellen. Und ich bin sehr gespannt, wie weit wir kommen werden.

EvL: Auch die Düsseldorfer Symphoniker sind ja kein "Originalklangorchester".

F. Bernius: Die Orchester, die ihre Hauptaufgabe im Repertoire ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts haben, sind natürlich nicht vergleichbar mit einem Barockorchester. Aber wir gehen dieses Projekt eben von der anderen Seite her an: Wir haben die große, "romantische" Mendelssohn-Besetzung. Daher weiß ich, dass Artikulationen anders ausgeführt werden müssen. Dass die Balance eine andere sein wird. Dass die Bögen schwerer sind als Barockbögen. Also ich kann versuchen, aus meinen Erfahrungen etwas herüberzubringen und sie mit den Erfahrungen der Orchestermusiker zu verbinden. Sie sehen: Alles ist spannend an diesem Projekt!

EvL: So ein "Werkstattcharakter" ist durchaus unüblich für ein klassisches Abonnementkonzert…

Frieder Bernius: Fragen Sie das Orchesterbüro der Düsseldorfer Symphoniker, was ich ihm alles an Notenbearbeitung zugemutet habe. Und fragen Sie den Intendanten Michael Becker, wie ich lange ich überlegt habe, ob ich der richtige Mann für diese Aufgabe bin. Vielleicht kommen noch ein paar schlaflose Nächte auf mich zu… Aber diesen ganzen halben Monat ab Mitte Oktober kann ich mich voll und ganz auf dieses Projekt konzentrieren. Und das gibt mir dann auch die Möglichkeit anzukommen und hineinzukommen.

EvL: Mendelssohn war ein "Multitalent": nicht nur Musiker, auch ein brillanter Literat, ein begabter Zeichner und Aquarellist. Sind diese "anderen" Seiten eine Inspiration für Ihr Dirigat?

Frieder Bernius: Ich wäre glücklich, wenn ich selbst so vielseitig wäre wie Mendelsohn. Gerade bei "Israel in Ägypten" setzte Mendelssohn in einer späteren Aufführung in Düsseldorf die Idee um, vier Chöre daraus mit lebenden Tableaus zu bebildern! Das ist eine unglaubliche Sache … welche Ansätze hat er da verfolgt? Der Bibeltext hat eine sehr bildliche Sprache. Händel setzt die in Musik um: Sie hören die Frösche hüpfen, die Fliegen schwirren und den Hagel einschlagen. Vielleicht hat das Mendelssohn dazu gebracht, das bebildern zu wollen. Eine doppelte Deutung des Textes: außer der musikalischen auch noch die bildnerische.

Ich selbst bin da vielleicht zu einseitig oder positiv gesagt: Ich möchte erst einmal dafür sorgen, dass die Musik von Händel verstanden werden kann.

EvL: Vielleicht ist diese Idee dem Düsseldorfer Umfeld, den lebenslustigen Malerfreunden geschuldet?

Frieder Bernius: Ich kann mir vorstellen, dass das Rheinland einen Kontrapunkt zu Mendelssohns norddeutsch-preußischer Erziehung und seiner Berliner Umgebung gesetzt hat. Er ist eine faszinierende Persönlichkeit, das ist keine Frage. Düsseldorf kann stolz darauf sein, dass es ihn damals als Musikdirektor erwählt hat.

Redaktion: Gianna-Vera Henke