Mendelssohn-Denkmal

(1) Mit dem Mendelssohn-Jahr 2009 intensivierten sich die Bemühungen von Düsseldorfer Bürgern, das von den Nazis zerstörte Mendelssohn-Denkmal im öffentlichen Straßenraum wieder aufzustellen (siehe vorangegangene Artikel zur Gründung des Vereins zur Wiederaufstellung des Mendelssohn-Denkmals).

Ein Mann der ersten Stunde war neben Prof. Dr. Kortländer, Bernd Dieckmann, dem Musikvereinsvorstand Manfred Hill auch Dr. Edgar Jannott, Vorstandsmitglied der Gesellschaft der Freunde und Förderer der Tonhalle Düsseldorf e.V.. Dr. Jannott hielt in vielen Gremien einen Vortrag über Felix Mendelssohn Bartholdy, den wir wegen der vielen Bezüge zu Düsseldorf und zum Städtischen Musikverein in dieser Musikvereinschronik verankern und für interessierte Leser erhalten wollen:

"Wir haben die Chance, etwas wieder gutzumachen

Ein Plädoyer für Felix Mendelssohn Bartholdy
und ein Erinnern an sein Wirken in unserer Heimatstadt Düsseldorf.

Möglicherweise lässt die Formulierung des Themas meines Vortrags die Intentionen, die ich mit ihm verbinde, etwas im Unklaren. Ich vermute aber, dass der eine oder andere trotz des etwas verdunkelten Themas schon ahnt, worauf ich hinaus will. Alle anderen möchte ich mit der unklaren Formulierung ein wenig provozieren und zugleich neugierig machen.

Im ersten Teil meines Vortrags werde ich Ihnen einen kurzen Überblick über das Leben von Felix Mendelsohn Bartholdy geben. Im zweiten Zeil meines Vortrags werde ich dann näher auf sein Wirken in unserer Heimatstadt Düsseldorf eingehen, um Ihnen dann im dritten Teil aufzuzeigen, was wir wieder gutmachen könnten.

• Nun zum ersten Teil, dem Überblick über Mendelssohns Leben:

Für die meisten von uns war Mendelssohn nur ein großer deutscher Komponist. In Wirklichkeit war er viel mehr und hat ein auch ganz anderes Leben gelebt als die anderen großen Komponisten, die wir kennen. Er war (ich zitiere wörtlich) „ein außergewöhnlich begabter Komponist, der talentierteste Dirigent seiner Zeit und ein hervorragender Pianist“. Ich füge diesem Zitat hinzu: Er war ein leidenschaftlicher Musikfest-Organisator, und er war vor allem der unbestrittene Wiederentdecker Bachs und Wiederbeleber der barocken Musik. Allein damit wurde er zu einem Weichensteller in der Musikgeschichte. Das alles hat er in 38 Lebensjahren geschafft, denn älter hat ihn unser Herrgott nicht werden lassen.

Schnell ein paar Striche zu seinem Leben: Am 3. Februar 1809 –also vor gut 200 Jahren – in Hamburg geboren wuchs er mit drei hochmusikalischen Geschwistern vor allem an der Seite seiner heißgeliebten älteren Schwester Fanny auf, mit der ihn bis zu seinem Tod eine ganz ungewöhnliche Geschwisterliebe und wechselseitiges Verständnis verband.

Sein Großvater war der berühmte jüdische Philosoph Moses Mendelssohn, der sich sein Leben lang um einen Brückenbau des Verständnisses zwischen Juden und Christen bemühte. Kant, Herder und Lessing waren seine Freunde. Lessing hat ihm mit der Person des Nathan in seinem Drama „Nathan der Weise" ein würdiges, ehrenvolles und ewiges Denkmal gesetzt.

Einer der Söhne von Moses Mendelssohn war Abraham, der Vater von Felix Mendelssohn. Abraham und sein älterer Bruder Joseph bauten zu ihren Lebzeiten das „Bankhaus Mendelssohn“ in Berlin auf, das sich im Laufe der Jahrzehnte zu einem der bedeutendsten Bankhäuser Deutschlands entwickelte. Im Rahmen der Arisierung wurde das Bankhaus Mitte der dreißiger Jahre von der Deutschen Bank entschädigungslos übernommen und 1938 endgültig liquidiert.

Nach allem, was man darüber in der Literatur findet, war die Familie Mendelssohn eine hoch gebildete, politisch liberale, geistig und künstlerisch aufgeschlossene und sehr wohlhabende Berliner Familie. Sie lebte in dem Haus, in dem heute der Deutsche Bundesrat tagt. Wichtige Personen des Berliner kulturellen Lebens wie Heine, Hegel, von Humboldt, Tieck, Bettina von Arnim gingen im Hause Mendelssohn ein und aus.

Seine musikalisch talentierte und sprachbegabte Mutter Lea entdeckte schon sehr früh dieselben Talente bei ihrem kleinen Felix und förderte sie nach Kräften. Als Felix sieben Jahre alt war, wurde der damals bekannte Pianist Berger sein Klavierlehrer, Karl-Wilhelm Henning sein Violinlehrer und Karl-Friedrich Zelter sein Lehrer für das Komponieren.

Sein erstes öffentliches Konzert in Berlin gab Felix als Neunjähriger. Gleichzeitig begann er früh und vor allem sehr fleißig zu komponieren. Schon bis zu seinem zwölften Lebensjahr hatte er 60 kleinere und größere Werke komponiert. Gleichzeitig gab er auch weitere öffentliche Konzerte als Pianist, die in Berlin Beachtung fanden. Außerdem war es im Mendelssohn’schen Haus üblich, kleine Sonntagskonzerte zu veranstalten. Felix schrieb auch für diese häuslichen Konzerte kleinere Kompositionen und dirigierte ab seinem 12. Lebensjahr nicht selten das jeweilige Hausorchester, das zu diesen Veranstaltungen eingeladen war.

Als Goethe von dem Wunderkind in Berlin hörte, lud er 1821 den Zwölfjährigen zusammen mit seinem Komponierlehrer Zelter für 16 Tage nach Weimar ein, wo er Mendelssohn immer wieder Gelegenheit gab, ihm vorzuspielen.

Die Eltern Mendelssohns, Abraham und Lea, erzogen ihre Kinder von Anfang an im christlichen Glauben. Am 21. März 1816 ließen sie ihre vier Kinder protestantisch taufen und ergänzten den Familiennamen um den christlichen Zusatz Bartholdy, um für den Glaubenswechsel auch ein äußerlich erkennbares Zeichen zu setzen. Die Eltern selbst konvertierten 1822 zum Christentum. Mendelssohn wuchs in diesem christlichen Elternhaus zu einem bekennenden Protestanten heran und blieb zeitlebens ein tiefreligiöser Christ.

Auch in der Musikliteratur findet man immer wieder den Hinweis, dass er ein bewusst bekennender Komponist war. Dafür brauche ich nur zwei Beispiele aus seinem großen symphonischen Werk anzuführen. Ich verweise dazu auf seine 2. Symphonie „Lobgesang“ und auf seine 5. Symphonie, die „Reformationssymphonie“. Die 2. Symphonie komponierte er zur 400-Jahr-Feier der Buchdruckerkunst. Sie wurde in der Thomaskirche zu Leipzig mit rund 500 Mitwirkenden in Chor und Orchester aufgeführt. Neben den Choralanklängen im Hauptthema lässt er im letzten Satz der Symphonie den Chor singen „Lobe den Herrn meine Seele und was in mir ist, seinen heiligen Namen. Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er Dir Gutes getan hat.“ Die 5. Symphonie komponierte er zum 300. Jubiläum der Confessio Augustana. Bei ihr verbindet er im Schlußsatz unüberhörbar sein musikalisches Thema mit Martin Luthers Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“. Die Komposition seiner beiden Oratorien „Paulus“ und „Elias“ dürfen wir genauso als Beweise seiner ausdrücklichen Bekenntnisbereitschaft werten wie die Vertonung der Psalmen.

Seinem Zeitgenossen Heinrich Heine, der Mendelssohn immer wieder als „musikalisches Wunder“ bezeichnete und der selbst auch nach seinem Studium vom Judentum zum Christentum überwechselt war, ging Mendelssohns „christliche Frömmelei“ sogar zu weit. Wir werden noch hören, daß die beiden trotz ihres Glaubenswechsels ihr Leben lang und über ihren Tod hinaus bis heute im Bild der Öffentlichkeit als Juden gelten.

Ein den jungen Komponisten Felix Mendelssohn und die damalige Musikwelt prägendes Ereignis war im März 1829 die Wiederaufführung von Bachs Matthäus-Passion. Wenige Jahr zuvor hatte er als Vierzehnjähriger von seiner Großmutter eine handgeschriebene Kopie der Matthäus-Passion als Geschenk erhalten und seitdem eifrig studiert. Über vier Jahre übte er mit seinen Freunden Stücke dieses damals nicht mehr bekannten Werkes ein mit dem Ziel, es eines Tages wieder aufzuführen. Dazu muss man wissen, daß nach den Feststellungen der Chronisten zwischen den Jahren 1750 und 1800 überhaupt keine Bach-Kompositionen mehr aufgeführt worden sind. Für die damalige Zeit war die Bach-Musik also vergessen und tot. Der 20-jährige Mendelssohn dagegen spürte, dass er die Chance hatte, eine die christliche Gedankenwelt fördernde Bach-Renaissance zu eröffnen. Als es dann endlich 1829 zur Aufführung der Matthäus-Passion kam, wählte Mendelssohn bewusst keine Kirche als Aufführungsort, sondern einen Saal, um deutlich zu machen, dass die christlichen Musikwerke Bachs mehr sind als nur Kirchenmusik. Die Aufführung wurde zu einem großen Erfolg. Sie musste zweimal wiederholt werden und wurde Ausgangspunkt einer weltweiten Bach-Renaissance, die bis zum heutigen Tage unverändert anhält.

Der große populäre Erfolg seiner Ouvertüre „Sommernachtstraum“, die er mit 17 Jahren komponiert hatte, seine vielen sonstigen Kompositionen und vor allem die Wiederaufführung der Matthäus-Passion, daneben aber auch seine Erfolge als Dirigent, Pianist und auch als Organisator von Musikveranstaltungen machten den Zwanzigjährigen in der musikalischen Fachwelt und dem Publikum bekannt und begehrt. Sein musikalisches Wirken sorgte einfach überall für Aufsehen. Die Berliner Universität wollte deshalb das junge musikalische Talent - insbesondere wegen der von ihm eingeleiteten Bach-Renaissance - mit einer Professur an sich binden. Aber Mendelssohn lehnte das ehrenvolle Angebot ab. Er wollte seine Freiheit nicht verlieren.

Stattdessen begannen 1829 seine Reisejahre, von denen ich aus Zeitmangel nur die wichtigsten Ziele kurz zusammenfassen kann. Mendelssohn war dreimal in Paris, einmal in Wien, Rom und Neapel, zehnmal in London und Birmingham und einmal in Schottland. In Deutschland besuchte er alle größeren Städte wie Leipzig, München, Stuttgart, Frankfurt, Köln, Aachen und natürlich Düsseldorf. Fast an allen nationalen und internationalen Zielorten gab der gefragte Pianist und Dirigent Konzerte.

Bedenken wir bitte, in Deutschland wurde 1835 die erste kleine Eisenbahnstrecke von Nürnberg nach Fürth eröffnet. Vor diesem Zeitpunkt hatte Mendelssohn auch ohne Eisenbahn schon ein großes Reisepensum im In- und Ausland erfüllt. Auch danach in den ihm verbleibenden zwölf Jahren konnte er noch nicht die Vorzüge eines geschlossenen Eisenbahn- und Straßennetzes in Deutschland genießen. Er musste also in seinem kurzen Leben all diese weiten Reisen im In- und Ausland mit der Kutsche bewältigen. Zu jener Zeit waren 40 – 45 Kilometer die äußerste Entfernung, die auf einer Kutschreise an einem Tage zurückgelegt werden konnte.

Auf seinen Reisen machte er übrigens insgesamt dreimal auf Einladung Goethes in Weimar Station und blieb bei dem großen Dichter nach den Berichten der Chronisten jeweils knapp zwei Wochen. Bei seinen Reisen nach England war er wiederholt Gast im englischen Königshaus, um mit der großen Königin Victoria und Prinz Albert gemeinsam zu musizieren. Bei seinem letzten Besuch widmete er der Königin Victoria seine „Schottische Symphonie“.

Auf der Rückreise von seiner dritten London-Reise besuchte er 1833 zum zweiten Mal Düsseldorf und leitete als 24-Jähriger das 15. Niederrheinische Musikfest. Er tat es mit so großem Erfolg, dass ihm die Stadt Düsseldorf sogleich die Ernennung zum „Städtischen Generalmusikdirektor“ anbot.

Fortsetzung im nächsten Eintrag.

Bild: Mit einer, nach dem Bild zu urteilenden, regelrechten Inszenierung endete das Mendelssohn-Denkmal Düsseldorfs im April 1940 in einem Transportkahn im Düsseldorfer Zollhafen. Es begann der Abtransport zur Sammelstelle für die "Metallspende des Deutschen Volkes". Der Arbeiter trägt eine schräg sitzende alte Pickelhaube und scheint große Freude bei diesem Vorgang zu haben.