Mendelssohnbrief 014

Musikfest = Düsseldorf - 18. Niederrheinisches Musikfest am 22. und 23. 5. 1836

Die Erleichterung über die Genehmigung des Königs zur Abhaltung des Musikfestes an Pfingsten und die Nöte um die Fertigstellung der Noten werden aus einem Brief Mendelssohns (Brief Nr. 13) deutlich:

„An das hochlöbl. Comité für das diesjährige Niederrheinische Musikfest
zu Händen des Herrn Assessor F. von Woringen in Düsseldorf

Hiebei A.C. ein Packet geschriebener Musikalien in Wachsleinen.

Einem hochverehrten Comité für das diesjährige Nieder Rheinische Musikfest übersende ich hiebei die Partitur meines Oratoriums (den ersten Theil, und vom zweiten die Nummern 26-31 incl.) der Rest des zweiten Theiles wird in einigen Tagen nachfolgen. Ich setze voraus, daß die Stimmen dort besser und correcter ausgeschrieben werden können, als es hier geschehen würde, da ich sogar diese Abschrift Note für Note durchsehen mußte und dennoch fürchte, daß sich Fehler eingeschlichen haben werden. Leider habe ich auf meine vor mehreren Wochen deshalb geschehene Anfrage keine Antwort bekommen, und bin deshalb nicht sicher, ob diese Einrichtung die Zustimmung des Comité haben wird; ich weiß es aber nicht anders zu machen.

Ich bitte also die Abschreiber sogleich mit den Instrumentalstimmen zu beschäftigen, und auch die Solostimmen (sämtlich) aus der Partitur mit untergeschriebenem Baß ziehen zu lassen. In den Instrumentalstimmen wünsche ich die Stichwörter (nach Recitationen ac) genau ausgemerkt.

Ich habe gestern aus der Preuß. Staatszeitung ersehen, daß die Königl. Genehmigung für das Fest an den Pfingsttagen erfolgt ist, und daß am zweiten Tage die Webersche Erndte Cantate gemacht werden soll. Zur Königl. Erlaubnis wünsche ich von Herzen Glück und möchte nur bald die Entscheidung für das Repertoire des zweiten Tages von Ihnen erhalten. Auch bitte ich ein hochverehrtes Comité mir den Empfang dieser Sendung (meiner Partitur) wenn auch nur mit einigen Zeilen zu bescheinigen und bin mit vollkommener Hochachtung
Eines hochverehrten Comités ergebenster
Felix Mendelssohn Bartholdy
Leipzig den 16ten April 1836."


Musikfest = Düsseldorf - 18. Niederrheinisches Musikfest am 22. und 23. 5. 1836

Im folgenden Brief (Brief Nr. 14) befaßte sich Mendelssohn wieder mit allerlei organisatorischen Dingen, Korrekturen in den gestochenen Noten, den Qualitäten und Möglichkeiten der Solosängerinnen und -sänger und der Orchesterbesetzung:

"Herrn Assessor F. von Woringen
Hochwohlgeboren in Düsseldorf

Leipzig, den 17ten April 36.
„Lieber Ferdinand!
Dein so eben empfangener Brief vom 12ten bringt mir die ersehnte Nachricht Eures Wohlbefindens, und daß nur vielfach gehäufte Beschäftigung Dich vom Schreiben abgehalten. Ich hatte mir schon manches Unangenehme gedacht, was an dem langen Stillschweigen Schuld sein konnte, und freue mich doppelt, es nicht eingetroffen zu sehen. Gestern habe ich nebst einem Brief an das Comité den ersten Theil meiner Partitur und vom zweiten bis No. 31 (incl.) geschickt; der Rest der Partitur soll am nächsten Donnerstag d. 21ten abgehen, und ich werde die Partitur von Anacreon dann dazu legen, da morgen keine Fahrpost geht, und der Unterschied von Dienstag und Donnerstag wohl nichts ausmachen wird. Sieh Dir übrigens das Finale ja vorher an, da ich immer noch zweifle, ob sichs zu einer Aufführung am 3ten Tage eignen würde. - Wenn Simrock die Quartettstimmen des Paulus bis dahin stechen kann und will, so ist es mir recht; die Blasinstrum. aber wünsche ich in jedem Falle geschrieben (wo möglich von Schauseil wenn er noch dort ist) und aus den geschriebenen Stimmen gespielt zu haben. Ebenso die Solostimmen, welche ich recht bald aus der Partitur zu ziehen bitte. In dem Exemplar der Chor-Stimmen (des ersten Theils) das mir Simrock zugeschickt hat, habe ich folgende Fehler gefunden, die ich Dich verbessern zu lassen bitte, da sie wichtig sind.

Im Sopran, pag. 6, System 2, Tact 7 muß die erste Note, statt viertel Pause Viertel c/e so heißen: viertel Pause Viertel c.
Im Tenor pag. 8, System 2, muß die erste Note statt h, g heißen, so: Viertel g, a, Halbe a.
Im Tenor pag. 10, letztes System, Tact 2, muß das letzte Viertel statt a, c heißen: Viertel c, h, c.
(Im Originalbrief malte Mendelssohn die Noten auf)

Nun zur Beantwortung der einzelnen Punkte Deines Briefes.

ad 1) wünsche ich gar sehr, daß von meiner Composition bei diesem Feste weiter nichts gegeben werde, da das Oratorium gewählt worden ist. Ich habe oft und ich glaube nicht ganz ohne Grund klagen hören, daß die Dirigenten ihre Compositionen vorzugsweise zur Aufführung zu bringen suchten, und es ist das ein wahrer Uebelstand, den ich immer gern vermeiden möchte. Ich wünsche daher, daß von meinem Psalm sowie von einer Ouvertüre von mir abstrahirt werde. Das Oratorium ist an sich schon sehr lang, und wäre das nicht, so hätte ich gern am ersten Tage noch eine Ouvertüre oder Symphonie von anderer Composition angesetzt, eben aus gesagtem Grund.
Neukomms Hymne de la nuit, die ich zwar nur oberflächlich kenne, eignet sich aber nach meiner vollkommenen Ueberzeugung nicht für das Musikfest; es scheint mir ohne Schwung und Leben, und wir brauchen am zweiten Tag diesmal gerade etwas Lebendiges, Anregendes.
Meine Meinung über Webers Cantate habe ich schon im vorigen Briefe geschrieben. Mozarts Davidde (obwohl manches am zweiten Tage dagegen spräche) ist vollkommen der Aufführung und Wiederholung werth, auch ist viel Gelegenheit für Solostimmen darin, sich zu zeigen. Da also sowohl die Webersche Cantate als der Davidde musikalisch mir ganz geeignet scheinen, so kann die Entscheidung für eins oder das andere nur von localen Gründen abhängen und ich muß dieselbe dem Comité ganz überlassen. Ebenso wegen der beiden Ouvertüren von Spontini und von Weber, die mir beide recht wären, wenn die Beethovensche nicht zu bekommen ist. Die Partitur der Olympia kann ich nicht schicken, da sie nicht gestochen, und auch wohl sonst hier nicht zu haben ist, doch will ich mich bis Donnerstag danach umsehen, und sie beilegen, wenn ich sie finden sollte.
ad 2) Weiß ich nah und fern keine Solosängerin zu empfehlen, und in jedem Falle wäre es auch jetzt zu den Unterhandlungen ec. zu spät. Die Heinefetter ist nicht mehr hier in der Gegend, die Hähnel hat ganz genau die Stimmlage wie die Grabau, und hülfe also nicht aus der Noth, sonst weiß ich von keinen guten Stimmen, die zu bekommen wären. Auf keinen Fall kann die Grabau die Solos allein singen, da sie wie schon gesagt, Mezzosopran ist und z.B. in der ganzen Beethovenschen Symph. hier nicht den Sopran sondern den Altsolo gesungen hat, also wäre schon für dieses Stück allein ein hoher Sopran unentbehrlich. Was nun die Altsolos betrifft, so ist in meinen Oratorium nur ein kurze Recit. und Arioso und einige Quartettsolostellen für Alt und dies wird gewiß leicht zu befolgen sein. Mde. Leibl würde dieses Solo wohl ganz befriedigend singen können. Findet sich eine bessere Solo-Altistin, desto besser. Vor allem bitte ich die Solo-Baßparthie aus meinem Orator. ausschreiben zu lassen und sie dem Versing, wenn er sie singen soll recht ans Herz und aufs Notenpult zu legen, da sie sehr wichtig und in den Recitationen sehr schwer ist. Mde. Schmidt ist ebenso wenig hoher Sopran, wie die Grabau und Hähnel, doch wäre es vielleicht gut, sie kommen zu lassen, aber da ich sie gar nicht seit 4 Jahren gehört habe, will ich sie nicht auf meine Verantwortung hin gleich engagieren, und kann unmöglich in diesen Tagen deswegen nach Halle fahren. Sollte sie also engagirt werden, so müßte dies vom Comité ausgehen.
ad 3) habe ich schon eigentlich in meinem vorigen Briefe vom 13ten d.M. geantwortet. Wenn Concertmeister David käme und mit Kreutzer vorgeigte, wäre es zwar allerdings viel besser als mit Präger, indeß ist letzterer auch tüchtig und gut; nur müßte auch außer diesen beiden für gute Geiger sehr gesorgt werden. Ich hoffe auf meinen vorigen Brief in dieser Beziehung auf eine baldige Antwort des Comités. - Diethe als Hoboist wäre ganz gut, aber wird es den alten Diebener in Cöln nicht zu sehr schmerzen? Das wünsche ich doch nicht. Besser ein bischen Aerger mehr, indeß überlasse ich dies hauptsächlich Rietz, wie schon gesagt. Bessere Clarinetten als Fischer und Klotz sind meines Wissens in der Gegend nicht zu finden, auch haben sie voriges Jahr in Cöln geblasen; dagegen Ruhland und den Cölner Fagottisten Schröder hätte ich gerne, sie sind sehr gut.
ad 4 und 5) nun noch, daß ich den Text des Paulus am Donnerstag mitschicken werde.
ad 6) über den unterzulegenden Text der Weberschen Cantate weiß ich nichts zu sagen; den Cölner kenne ich nicht, der andere müßte allerdings verbessert werden, und zwar fast überall.
ad 7 und 8) für das 3te Concert wünsche ich, wie schon gesagt, daß meine Ouvert. ausfallen möge, ebenso mein Psalm zum Schluß. Ueber das 8te Concert werden wir ja wohl noch zeitig genug miteinander sprechen können.

Gern hätte ich Deinen Wunsch erfüllt, früher zu kommen, und ich hätte es getan, wenn ich Deinen Brief früher erhalten hätte, so aber ist es mir unmöglich, und ich werde erst heut über 14 Tage, den 1ten Mai, von hier abreisen können. Ob ich am 8ten Mai früh mit dem Dampfboot oder Abends spät aus Cöln komme, weiß ich noch nicht, ich muß einen Tag in Frankfurt bleiben, von wo aus ich Dir meine Ankunft genau melden will.
Und nun verzeih´ den einförmigen trockenen Geschäftsstyl meiner Briefe, aber ich bin von vielen (hiesigen und anderen) Geschäften ganz belagert und zuweilen brummt mir der Kopf. Danke Schadow in meinem Namen für seinen freundlichen Brief, der sich mit dem meinigen gekreuzt hat und den ich nun als die erwünschte Antwort betrachten darf. Und nun grüße auch die lieben Deinigen viel tausendmal von Deinem
Felix M.B.“