… mit uääh und brrr, blableblublela und Flatterlippe zum guten Ton?!

In Vorzeiten, fernab des Rheins, ging ich zur Chorprobe und freute mich – wie noch heute jeder meiner Sangesgeschwister - auf das Entstehen eines wunderbaren oder eigenwilligen, harmonischen oder bewusst dissonant provozierenden Klanges, auf den Zauber des Entstehens, aber zeitgleich unwiederbringlichen Vergehens von Musik.

Natürlich war das Einsingen, das Aufwärmen und Sensibilisieren der Stimme vor dem ersten nach Noten gesungenen Ton ebenso unerlässlich wie der „Hütchenslalom“ oder das Warmschießen der Fußballer vor dem Anpfiff. Mancher freute sich aber mit mir auf das rasche Ende der blabla-Tonleitern oder der sich nach oben oder unten schraubenden Intervallübungen. Ein am Ende des „etüden-geprägten“ Probenteils erweiterter Tonumfang machte mich nur bedingt glücklich und mündete in das Aufatmen bei der Erlaubnis, den Sitzplatz ein- und die entsprechenden Noten aus den Taschen herauszunehmen.

Jeder Sänger weiß natürlich, dass das vorbenannte notwendige Übel dem Musizieren dient, ohne schon ein solches zu sein. Diese vielfach gemachte chorische Erfahrung ist NICHT die Beschreibung der auch bisher im Konzertchor der Landeshauptstadt sehr ernst genommenen Vorbereitung der Stimme. Aber mit jedem neuen Chorleiter lernen die Sängerinnen und Sänger auch neue Formen der Stimmerweckung oder der Stimmpflege, der sich verstärkenden Impulse und der klaren Fokussierung auf das Ziel der Übungen.

Mit Prof. Dennis Hansel-Dinar und seinen beiden AssistenInnen Constanze Pitz und Grant Sung hat im Chor des Musikvereins wieder eine neue Form und Ausgestaltung des Einsingens begonnen. Schon bei der Gast-Einstudierung zum „13. Psalm“ von Zemlinsky staunten viele von uns über Prof. Hansel-Dinars ebenso seltsame wie sich immer mehr rechtfertigende Forderung nach Verbindung von körperlicher Lockerheit oder bewusster Anspannung zu stimmlicher Steuerung. Das Stehen auf einem Bein bei der Kontrolle der aus der Zwerchfell-Stütze wachsenden Töne, die unkontrollierte Schlenkerfähigkeit der Glieder als Voraussetzung für die Lockerung des Resonanzraums im Rachen, die Flatteramplitude der Lippen oder beim Rrrrollen des RRRRR als Voraussetzung für Artikulation im Prestissimo – all das waren neue Erfahrungen.

Inzwischen freuen sich die meisten von uns auf die trotz verlangter vielfacher Wiederholung unglaublich abwechslungsreichen Exerzitien. Um Vielfalt bemühen sich neben Prof. Hansel-Dinar auch Constanze Pitz und Grant Sung nicht nur, um ermüdender Langeweile entgegenzuwirken, sondern vor allem auch um dem vorab klar definierten Probenziel zu dienen. Bei Beethovens IX Sinfonie wäre es wenig sinnvoll, den Bass in jene Tiefen zu treiben, die bisher nur sein neuer Stimmführer Udo K. souverän zu erreichen vermag. Beethoven verlangt gerade von uns tiefen Stimmen tenorale Fähigkeiten bis zum hohen f, und das vom Pianissimo bis zum Fortissimo und zudem lang andauernd „…Brüder überm Sternenzelt “! Da dient das Einsingen dem Erreichen von Klängen jenseits der individuellen Hochtongrenze oder dem nahtlosen Übergang ins Falsett (allerdings ohne Aussicht auf’s Jodeldiplom).

Bei einer der letzten Proben entwickelte unser Chordirektor aus einem von Beethoven im Schlusschor musik-logisch überraschend geforderten halboktavigen Intervall eine Übung zum Tritonus. Wir sollten einen solchen auf sich willkürlich verändernden Grundtönen aufbauen. Schnell wuchsen wir über den Selbstzweifel hinaus und hörten uns nach gewonnener Sicherheit im Finden des schwierigen Tonsprungs durchaus begeistert zu.