Schönberg: Gurre-Lieder

Im Gegensatz zur Aufzeichnung der Gurre-Lieder aus dem Jahre 1980 unter Bernhard Klee (Vol. 69) konnte nun, über 2 Jahrzehnte später, die hier vorliegende Aufnahme des gleichen Werkes an gleicher Stelle, jedoch unter ungleich professionelleren Bedingungen produziert werden. Produziert meint, dass die von Dipl.-Ing. Hans Schlosser betreute Tonmeisterklasse der Robert-Schumann-Hochschule mit einem auf der Höhe des technischen Standards sich befindenden Equipment Schönbergs Monumentalherausforderung in hervorragender Qualität aus Generalprobe und den üblichen drei Konzerten schneiden konnte. Das Ergebnis kann sich mit allen auf dem Tonträgermarkt bislang erschienenen Einspielungen der Gurre-Lieder messen, sogar mit der DECCA-Referenzaufnahme aus dem Jahre 1985, an der der Chor des Musikvereins ja auch eindrucksvoll beteiligt war. Hinzu kommt, dass man 2001 ausgesprochenes Glück in der Wahl der Solisten hatte: allen voran ein grandios disponierter Glenn Winslade, der die mörderische Partie des Waldemar souverän den gewaltigen Orchesterwogen entgegenschmetterte, ohne jedoch die lyrischen Passagen hierbei vernachlässigen zu müssen. Ein Kapitel für sich ist natürlich Brigitte Fassbaender. Kaum hat man je die Sequenz des Sprechgesangs in Schönbergs Opus maximus so „musikalisch“ und bühnenpräsent miterleben dürfen!

Die Gurre-Lieder von 2001 begründen zudem die Zusammenarbeit des Städtischen Musikvereins mit Marieddy Rossetto als neue Chordirektorin und Nachfolgerin von Prof. Raimund Wippermann. Es ist wohl wieder einmal bezeichnend für die Geschichte des Musikvereins, dass an derartigen „Schnittstellen“ seines Lebenslaufs außergewöhnliche Werke stehen: Marieddy Rossetto hatte nicht nur den komplexen Chorpart mit einem ihr noch unbekannten Ensemble einzustudieren, sie musste darüber hinaus auch den Musikverein mit dem Philharmonischen Chor Bonn koordinieren, denn Schönbergs Partitur verlangt (besonders in den Männerstimmen) eine Besetzung, die wohl kein Konzertchor der Welt nur aus eigener Substanz adäquat lösen kann.
Wie dem auch sei, die Aufführungen unter der Leitung von John Fiore wurden zu einem von Presse und Publikum begeistert gefeierten Erfolg. Die höchsten Ansprüchen genügenden Digital-Aufnahmen waren so gut, dass man sich von Seiten des Orchesters und der Intendanz entschloss, die Gurre-Lieder „offiziell“ auf den CD-Markt zu bringen. Hier jedoch begann das Dilemma: alle angefragten Label winkten ab, meist mit der Begründung, Schönberg sei nach-wie-vor ein Marketingproblem, und der Klassik-Markt läge ohnehin weltweit danieder. Der Musikverein bedauert diese Entwicklung natürlich zutiefst, zumal die Zustimmung aller Beteiligten zu einer Veröffentlichung schriftlich vorlag. Um diese Produktion nicht ganz der Vergessenheit preiszugeben freuen wir uns, das von der RSH produzierte Master in entsprechend aufbereiteter Fassung in das Schallarchiv aufnehmen zu können.