Schumann: Szenen aus Goethes „Faust“

Am 28.6.1987 verklang der letzte Ton der 2. Symphonie von Gustav Mahler unter der Leitung des damals nach 10 Jahren als Generalmusikdirektor von Düsseldorf scheidenden Bernhard Klee. Der Musikverein hatte in einer sich anschließenden Abschiedsfeier das Wort „Auferstehen“ durch „Wiedersehen, Auf-wie-der-sehen“ ersetzt. Dieses „Wiedersehen“ dauerte für den Chor dann bis zur ersten Klavierprobe zu den Schumannschen „Faust-Szenen“ am 6.4.2010, also fast 23 Jahre. In Düsseldorf hatte sich in den zurückliegenden Jahrzehnten vieles verändert; Chor und Orchester waren bei weitem nicht mehr
–personell- das, was Bernhard Klee 1987 hinterlassen hatte. Der Zufall wollte es, dass die „Faust-Szenen“ 2010 auch das Abschiedskonzert des langjährigen, mit Amtsantritt von Bernhard Klee ebenfalls zu den Düsseldorfer Symphonikern gekommenen Konzertmeisters Jens Langeheine wurde; eine bewegende Verabschiedung schloss sich an das Sonntags-Konzert an.

Nun musizierte man endlich in einem „klingenden“ Saal, den Klee sich wohl immer gewünscht hatte: die Tonhalle war als Konzertsaal im internationalen Vergleich qualitativ deutlich weiter nach vorne gerückt. Logistisch betrachtet bedeutet es nach wie vor eine auch organisatorische Herausforderung, ein Werk wie dieses zentrale Stück Robert Schumanns „auf die Bühne zu stellen“: 9 Solisten, Orchester, Chor, Kinderchor, Chorsoli etc. Das alles will koordiniert und mit den Beteiligten abgesprochen sein; keine leichte Aufgabe!
Wenn Klee 1981 im Chor des Städtischen Musikvereins zu Düsseldorf ein Ensemble von über 160 Sängerinnen und Sänger auf der Bühne vorfand, so waren es nun (fast ein viertel Jahrhundert später) weniger als 110. Und: selbst wenn sich im Zusammenhang mit der seinerzeit anstehenden EMI-Produktion die absolute Weltelite internationaler Sängerstars auf dem Podium versammelte, so konnte man im Jahre 2010 doch ebenfalls auf ein hochkarätiges Solisten-Nonet zurückgreifen, das die anspruchsvolle, zwischen Liedgesang und Opernatitüde hin- und herschwankende Textur vortrefflich zu interpretieren vermochte. Klees Lesart war unverändert lyrisch-dramatisch, wobei das dem Werk und seiner nicht unproblematischen Einordnung im Spannungsfeld von „Der Rose Pilgerfahrt“ und „Genoveva“ sehr zugute kommt. Bei der Arbeit mit Bernhard Klee fühlten sich einige Chormitglieder in die 70er und 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurückversetzt; besonders ältere Sängerinnen und Sänger hingen –wie damals- bei den erläuternden Ausführungen Klees förmlich an seinen Lippen. Andere wiederum, die diese Art der intellektuellen Auseinandersetzung mit Form und Inhalt des Schumann-Werkes nicht gewohnt waren, drängten mit dem Argument, man könne doch aus der zur Verfügung stehenden Zeit mehr machen. Aber das war nie das Präjudiz eines Bernhard Klee. Ihm war ein geistig-analytischer Weg
–auch in der Zwiesprache mit den Ausführenden- immer wichtig; wichtiger, als so manchem pragmatischer eingestellten Jet-Set-Kollegen der jüngeren Generation. Der Chor des Musikvereins hat in vielen Fällen nachhaltig von dieser „Klee-Art“ profitiert, damals wie auch anlässlich der hier dokumentierten Aufzeichnung der „Faust-Szenen“ aus dem Schumann-Jahr 2010.

Noch eine Randbemerkung: Die bei der Aufnahme hörbaren Präsenzschwankungen einzelner Solisten erklären sich daraus, dass wir es bei manchen Stellen mit einer „halbszenischen“ Aufführung zu tun haben. Auch wechseln die Sängerinnen und Sänger mehrfach ihre Position, einmal vor dem Chor, einmal auf der Orgelempore hinter dem Chor, ein anderes Mal vorne neben dem Dirigenten an gewohnter Stelle.
Zwar war die Tontechnik bemüht allzu große Lautstärkeschwankungen auszugleichen; ganz gelungen ist das jedoch nicht in jedem Fall.