Stadtgeschichte/ Vereinsleben

Die beginnende Herrschaft der Nationalsozialisten hatte auch gravierende Auswirkungen auf die Arbeit des Musikvereins.

28.2.1933 - Aufhebung der Vereinsfreiheit durch die "Verordnung zum Schutze von Volk und Staat"
28.7.1933 - Gleichschaltung aller Künstler- und Kunstvereine gemäß Erlass des Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda
27.9.1933 - Übernahme der Kontrolle über die Kulturarbeit durch die Reichskulturkammer

An dieser Stelle möchten wir dem Leser den zweiten Teil der Magisterarbeit von Christoph Guddorf aus dem Jahre 2006, in der Bearbeitung von Thomas Ostermann, zur Kenntnis bringen, weil dort die damalige Zeit in kompakter Weise sehr treffend beschrieben wird (siehe auch den Eintrag vom 30.6.1931):

"1933-1939
Nach der Aufhebung der Vereinsfreiheit durch die „Verordnung zum Schutze von Volk und Staat“ am 28. Februar 1933 und nach der Gleichschaltung aller Künstler- und Kunstvereine gemäß Erlass des Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda vom 28. Juli 1933 übernahm am 27. September 1933 die Reichskulturkammer die Kontrolle über die Kulturarbeit. Demzufolge musste auch der Musikverein seine Satzungen entscheidend ändern: Alle Kulturschaffenden mussten Mitglied in den jeweiligen Kammern sein, was jedoch nur Mitgliedern und Sympathisanten der Nationalsozialistischen Partei vorbehalten war. Zudem wurde allen Vereinen ein selbst schaltender und von der Mitgliederwahl unabhängiger Vorsitzender vorgeschrieben. Der jeweilige Kunstdezernent der Stadt Düsseldorf wurde gemäß der Satzung Vorsitzender des Musikvereins. „Jede unbescholtene Person arischer Abstammung“ konnte Mitglied im Musikverein werden, zwei „nichtarische“ Mitglieder waren somit gezwungen, auszutreten. Mit sechs Richtlinien wollte die nationalsozialistische Stadt-verwaltung dem städtischen Konzertwesen eine Wende geben, um dem übergeordneten Motto Düsseldorf als Kunststadt des Westens gerecht zu werden und ein Musterbeispiel nationalsozialistischer Konzertpolitik zu schaffen. Es ging ihr darum, abgewanderte und neue Besucher durch möglichst niedrige Preise zu gewinnen, die Programme zu verändern und „volksfremde“ Musikwerke auszuschließen, eine Personalunion von Generalmusikdirektor und Operndirektor, um die Kräfte zu bündeln und durch intensivere Probenarbeit das Leistungsvermögen von Oper und Konzert zu steigern, den Chor des Musikvereins durch den Berufschor der Städtischen Bühnen zu verstärken, die Zahl der Konzertaufführungen zu erhöhen und somit das Orchester und den Berufschor zu vergrößern sowie überregional zu werben durch Sonderveranstaltungen.
Abgesehen vom veränderten kunstästhetischen Verständnis der Nationalsozialisten blieb das Konzertwesen der Stadt nach 1933 weitestgehend unverändert. Nach der Auflösung des Städtischen Musikvereins als Konzertgesellschaft ließen sich die wichtigsten Veranstalter in Düsseldorf zwischen 1933 und 1945 in drei Gruppen einteilen:

1. Die städtischen Konzerte als zentrale gemeinnützige Institution;
2. die neuen gemeinnützigen Konzertträger der NS-Kulturorganisationen und die Partei selbst;
3. die privat und kommerziell organisierten Konzertveranstalter, die ebenso wie die Chöre und Gesangvereine einbezogen werden sollten.

Letztere waren nicht uneingeschränkt erwünscht und wurden von der Partei und ihren kulturellen Organisationen denunziert, teils von der Gestapo unterdrückt. Ausnahmslos beseitigt wurden 1933 die relativ stark vertretenen kommunistischen Arbeitergesangvereine, der „Kampfbund deutscher Arbeitersänger“ und die „Freien Sänger“. Die „Gesellschaft der Musikfreunde“, der Bach-Verein, sogar die kommerziellen Meisterkonzerte und traditionellen Chöre und Männergesangvereine wurden - wenn auch „angepasst“ - in die lokale Konzertpflege integriert.
Trotz der höheren Bedeutung der Chormusik als gemeinschaftsbildende musikalische Betätigung - eines der wesentlichen Ziele nationalsozialistischer Musikpolitik - stieg die Zahl der Chorkonzerte nach 1933 nicht an; nach wie vor fanden pro Saison drei bis vier Konzerte statt. Auffällig ist allerdings, dass vermehrt fremde Chöre mit einbezogen wurden. Die Düsseldorfer Öffentlichkeit reagierte darauf skeptisch, wurde das Vorgehen doch als Zurückdrängen der eigenen Leistungen empfunden. Andererseits hatte der Chor des Städtischen Musikvereins nach seiner Auflösung als Konzertgesellschaft zu Beginn der 30er Jahre die Hälfte der knapp 400 aktiven Mitglieder verloren. Diese Tendenz hielt auch nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten an. Daher verstärkte der Theaterchor zusammen mit dem Lehrergesangverein und dem Düsseldorfer Männerchor den Musikvereinschor bei größeren städtischen Konzerten, bis 1938 aus spielplanmäßigen Gründen die Intendanz die Mitwirkung des Theaterchores untersagte. Keine Berücksichtigung in den Konzertprogrammen fand nun Felix Mendelssohn Bartholdy, von 1833 bis 1835 Städtischer Mu-sikdirektor in Düsseldorf. Als Jude war er nunmehr ebenso verfemt wie sein dichtender Künstlerkollege Heinrich Heine, der gebürtiger Düsseldorfer war. Neben Mendelssohns Werken verschwanden auch die von Mahler, Schönberg und anderen unerwünschten Komponisten aus den Konzertprogrammen der städtischen Konzerte. Balzer, seit 1933 neuer GMD, nahm aus eigenem Antrieb zumeist Werke an, dessen Texte Wohlwollen bei den Nationalsozialisten erregten. In einem Brief vom 15.4.1935 bedauerte der GMD, dass es im abgelaufenen Jahr zu spät gewesen sei, Gottfried Müllers „Heldenrequiem“ noch in das laufende Saisonprogramm aufzunehmen, nachdem es auf dem Tonkünstlerfest des Allgemeinen Deutschen Musikvereins im Juni 1934 aufgeführt worden war und ihm und Kunstdezernent Ebel gefallen hatte. Unter den Aufführungen zeitgenössischer Literatur befanden sich während der Amtszeit Balzers bemerkenswert viele Ur- und Erstaufführungen. Am 23.5.1935 wurde Dransmanns „Einer baut einen Dom“ für Chöre, Sprechchor, Solisten und Orchester uraufgeführt, das mit Pathos, Trommelgewirbel und Blechbläserchorälen dem „Dombaumeister“ des Reiches, Adolf Hitler, huldigte und vom Düsseldorfer Tageblatt als „Ideenpropaganda“ bezeichnet wurde. Unter den Erst- und Uraufführungen finden sich erstaunlich viele Werke einheimischer Komponisten: von Bresser, ein Konzertmeister des Orchesters, Michael Rühl, der Opernchordirektor, Werner Karthaus, der Assistent des GMD, und Kapellmeister Zillig waren allesamt Düsseldorfer. Konzerte mit dem Titel „Komponisten unserer Zeit“ behandelten ausschließlich Düsseldorfer Komponisten. Einer von ihnen, Otto Leonhardt, bekam wiederholt Aufträge von der Stadt, und 1942 erhielt er den städtischen Musikpreis.
Wie bei der Oper reichten viele nichtprofessionelle, aber ideologisch gesinnte Komponisten ihre musikalischen Angebote ein. Der Arzt Dr. E. Feld bat um die Uraufführung seiner Komposition „Führer zum Gral“ für Männerchor und Orchester im Konzert am 19.4.1934. Balzer regte daraufhin an, „das 8. Städtische Konzert […] auf den folgenden Tag, den Geburtstag des Führers, abzustimmen“ und mit dem Hymnus auf den Führer, einer Rede und dem anschließenden Absingen des Horst-Wessel-Liedes zu verbinden. Felds Komposition wurde jedoch abgelehnt; sie war aus strategischen Erwägungen als Köder für eine Rundfunkübertragung vorgesehen, die aber wegen Platzmangels im Sendeprogramm entfiel.
Auf aktuelle politische Umstände reagierte Balzer schnell. Im Programmentwurf für die Saison 1934/35 findet sich noch die konzertante Erstaufführung von Hindemiths Mathis der Maler. Die endgültige Fassung wurde nicht mehr berücksichtigt, d. h. noch vor dem öffentlich ausgetragenen Konflikt zwischen Furtwängler und Goebbels im Dezember 1934 abgesetzt; vermutlich lag eine allgemeine Verunsicherung hinsichtlich der Person Hindemiths vor. In anderen Fällen wurden aufgrund von Beanstandungen durch Parteistellen geplante Stücke gestrichen:
Die für den 28.1.1937 vorgesehene Uraufführung des 90. Psalms von Paul Strüver wurde durch einen Hinweis des Landesstellenleiters des RMVP (Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda), Brouwers, verhindert.

Die Reichsmusiktage
Vom 22. bis 29. Mai 1938 fanden in Düsseldorf die ersten Reichsmusiktage statt. Damit konnte Düsseldorf sein vermeintliches Renommée als Kulturmetropole im Westen Deutschlands unter Beweis stellen. Mit Blick auf den monumentalen Charakter, den die Reichsmusiktage annehmen sollten, hatte sich Düsseldorf bereits als Ort größerer Ereignisse bewährt: Die Ausstellungen „Gesolei“ (1926) und „Schaffendes Volk“ (1937) standen für eine große Aufnahmekapazität und organisatorische Erfahrung. Wichtige Akzente der NS-Musikpolitik wie beispielsweise das gesteigerte Engagement auf musikkulturellem Gebiet, die Nachwuchsförderung oder die Förderung zeitgenössischen Schaffens waren bereits in Düsseldorf umgesetzt.

Veranstaltungen auf Schloss Burg an der Wupper oder die dort stattfindenden Tagungen der Fachschaft Komponisten waren Beispiele für ein durchaus reges Musikleben im Gau Düsseldorf. Gerade das Musikleben der Stadt mit seinem erfolgreichen, international renommierten GMD Hugo Balzer an der Spitze bot gute Chancen, aus der Industriestadt Düsseldorf ein kulturelles Zentrum im Westen zu machen. Seit Ende 1937 bestanden intensive Kontakte zu Generalintendant Dr. Heinz Drewes, dem Leiter der Musikabteilung im RMVP, der wiederholt eingeladen wurde, die Leistungen des Orchesters zu prüfen. Laut GMD Hugo Balzer gab das Vorspiel des Orchesters in der Reichshauptstadt - es wurde sogar mit den Berliner Philharmonikern verglichen - den Ausschlag für die Entscheidung der Verantwortlichen. In den „Werkkonzerten“ des „Reichssinfonieorchesters“ unter GMD Franz Adam und Kapellmeister Erich Kloß erklangen vornehmlich „Klassiker“ - neben Beethoven auch Bruckner, Brahms, Liszt und Schubert. Den einfachen Arbeitern und Angestellten sollten offensichtlich zeitgenössische Produktionen nicht zugemutet werden; stattdessen standen Ouvertüren, sinfonische Dichtungen, Teile aus bekannten Sinfonien und Instrumentalkonzerten und Strauß-Walzer auf dem Programm.
Bei der Veranstaltung in den Schieß-Defries-Werken (23.5.1938) beispielsweise wurden neben Schuberts „Unvollendeter“ und Brahms’ Violinkonzert noch Graeners Waldmusik gespielt, als Abschluss folgte Johann Strauߒ Kaiserwalzer.

1939 dagegen wurde der neuen Musik auch in den „Werkkonzerten“ mehr Raum ge-geben: Bei dem Konzert in den Mannesmann-Röhren-Werken (16.5.1939) standen neben Liszts Ungarischer Rhapsodie Nr. 2 Albert Jungs Festliche Musik, Paul Höffers Alemannische Suite sowie Hermann Blumes Hornkonzert auf dem Programm. Die „Werkkonzerte“ - und auch die musikalischen Feierstunden 1939 - waren Teil einer Politik, die unter dem Anschein von Volksgemeinschaft und mittels Musik und Kultur die Arbeiterschaft von ihrer eigentlichen Entrechtung ablenken sollte. Innerhalb der Werke der Jahrhundertwende standen Strauss, Pfitzner und Graener im Mittelpunkt der Reichsmusiktage 1938. Ein Höhepunkt war - der Presse nach - Pfitzners romantische Kantate „Von deutscher Seele“, die im Kaisersaal der Tonhalle vom Städtischen Orchester und dem Chor des Städtischen Musikvereins unter der Leitung von Balzer zelebriert wurde (Übertragung durch die RRG !). Der „Völkische Beobachter“ würdigte den Moment der Aufführung des Werkes als „eines der glanzvollsten und erhebendsten während dieser Düsseldorfer Musiktage. Der Konzertsaal konnte die Zahl der Musikbegeisterten kaum fassen. Die große Offenbarung des dunklen und tiefen Wunders der deutschen romantischen Seele übte einen mächtigen Zauber auf die Hörer aus, die in jenem Schweigen verharrten, das kaum zu atmen wagte. In einer Zeit, in der die Quellen des deutschen Wesens vom Geröll einer zerbrochenen Welt verschüttet worden waren, hat Pfitzner in diesem Werk das Bild der deutschen Seele mit all ihrer Innigkeit, mit ihrem Traum, ihrem Glanz und ihrer Kraft wieder aufgerichtet. Seine Kantate gehört zu den ewigen Werken. An ihr werden künftige Zeiten sich erneuern, wie die Gegenwart aus ihr die reinsten deutschen Seelenkräfte aufspüren kann.“

Die Tageszeitung „Mittag“ stellte sogar heraus, dass Pfitzners Kantate unter allen Werken der lebenden Komponisten, die während der Reichsmusiktage aufgeführt wurden, das einzige sei, das völlig im Einklang mit dem inneren Programm stehe, das die Reichsmusiktage haben müssten, sollten sie sich von allen übrigen Musikfesten absetzen.

Zur neuen Literatur gehörend, wurde Simplicius Simplicissimus von Ludwig Maurick uraufgeführt. Maurick war 1935 mit „Die Heimfahrt des Jörg Tilmann“ in Düsseldorf gescheitert. Seiner neuesten Produktion wurde neben einer mangelnden Abstimmung von Text und Musik eine sorglose Stilmischung verschiedenster Epochen, ein epischer Charakter des Textbuches und eine antiquierte ethisch-kommentierende Belehrung durch die Chöre vorgeworfen. Eben diese neue, experimentelle Konzeption fand aber das Wohlwollen des schärfsten nationalsozialistischen Kritikers, Herbert Gerigk. Kompositionen, die sich durch Text oder Widmung ausdrücklich auf die nationalsozialistische Weltanschauung bezogen, kamen bei den Reichsmusiktagen nicht zur Aufführung. Die Reichsmusiktage besaßen so gesehen durchaus fachlichen Charakter und ähnelten der Tradition der 1937 eingestellten Tonkünstlerfeste."

(Den ersten Teil dieses Artikels findet der Leser unter dem Eintrag vom 30.6.1931)

Bild: Joseph Goebbels anlässlich seiner Rede bei den Reichsmusiktagen 1938 in der Tonhalle Düsseldorf