Erlebnisbericht zum ersten Niederrheinischen Musikfest 1818 in einer Handschrift vom 14. Mai 1818

Düsseldorf. Der Beckersche Garten mit Pavillon und Eingang zum Saal, kolorierter Holzstich aus dem 19. Jahrhundert Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf

Durch einen glücklichen Zufall ergab sich für mich, den Autor dieser Musikvereinschronik, die Möglichkeit, die nachfolgende Handschrift (siehe Bilder) in einem Kölner Briefmarken-Auktionshaus zu ersteigern. Der Autor dieser Handschrift berichtet unter dem Datum des 14. Mai 1818 vom Gründungskonzert des Musikvereins bzw. von den Konzerten des 1. Niederrheinischen Musikfestes am 10. und 11. Mai 1818 in Düsseldorfs Jansenschem Gartenlokal, unter der Leitung des ersten Musikdirektors von Düsseldorf, Johann August Franz Burgmüller.

Theo Molberg, langjähriges Mitglied der Düsseldorfer Symphoniker, zeigte ich die Handschrift und er erklärte sich spontan bereit, diese in einen lesbaren Text zu bringen, den der Leser in den folgenden Beiträgen nachlesen kann. Ich bin Theo Molberg zu großem Dank verpflichtet für diese aufwändige Arbeit und freue mich, dass uns dieser einmalige Tatsachenbericht nun in voller Länge und lesbar vorliegt.

Die originale Handschrift befindet sich als Depositum des Städtischen Musikverein zu Düsseldorf e.V. gegr. 1818 in der Obhut des Heinrich-Heine-Instituts Düsseldorf.

 

Manfred Hill im September 2015

 

Hier der Text der Handschrift:

Aufsätze, welche durch die in Düsseldorf zu Pfingsten stattgehabte Aufführungen der Oratorien von Haydn, der Schöpfung und der Jahreszeiten veranlaßt worden, und im „Hermann“ erschienen sind.

Nr.1

Musikalischer Verein am Niederrhein

Bruchstücke aus einem Briefe.

 

Burgmüller, Johann August Franz 1. Musikdirektor von 1812 bis 1824

Ich verlasse das freundliche Düsseldorf ungern, - und werde alles mögliche aufbieten, um gegen Pfingsten wieder dahin zu kommen; kommen Sie dann, lieber Freund, doch auch. Noch wissen Sie nicht warum. – Erinnern Sie Sich wohl der Tage in Erfurt und Würzburg, und des unvergleichlichen Genusses, welchen uns die dortigen großen, und kleinen musikalischen Vereine, von allen aber doch der große Verein zu Erfurt gewährten? – Und diesen Genuß, wenn ihn auch nicht ganz, will man jetzt uns und allen, die die liebe Musika hochhalten und lieb haben, in Düsseldorf zu Pfingsten bereiten. Aus dem preußischen Niederrheine, als den treuen Städten, Cölln, Dortmund, Elberfeld, Düsseldorf u.a.m. haben sich nämlich mehrere und viele Freunde der Musik, Sänger und Geigen u. Spieler aller Art zu einem musikalischen Vereine verbunden, um alljährig ein oder mehrmal, hier oder dort, ein umfassendes größeres Kunststück auszuführen. In diesem Jahre ist Düsseldorf zum Vereinigungsorte, und zur Aufführung zu Pfingsten, wie ich höre, Haydns Jahreszeiten u. die Schöpfung gewählt. Schon ist die Zahl der sich zu diesem schönen Zwecke verbindenden groß u. bedeutend, - was aber meinen ganzen Beifall hat, ist, daß die Verbundenen, nicht stolz auf die in ihnen wohnende Kunst, nun alles allein thun wollen, sondern in der ganzen Nachbarschaft jeden Künstler und Liebhaber aufgefordert haben, beizutreten und zu helfen. Man erzählt sich, das Orchester könne leicht an 4 – 500 Personen stark werden. Lassen Sie es aber auch nur die Hälfte seyn; - aber alles Leute, die nicht um baares Geld, sondern aus eigenem frohen Willen und von innerer Lust getrieben, sich regen u. sich und andere erfreuen wollen. Ich verspreche mir einen hohen Genuß, um so mehr, als man nicht genug von der glücklichen Ausführung des großen Meisterwerks, der Schöpfung, im vorigen Jahr zu Elberfeld erzählen kann.
Nun! Freund, nicht wahr! – auch Sie kommen, und mit Ihnen vor allem die beiden schönen Nachbarinnen, und was Sie sonst Gutes und Schönes auftreiben können. Denn unter uns gesagt – ich liebe die schöne Musick recht sehr, aber Wunderdinge richtet sie an, wenn ich voll von ihren entzückenden Tönen, und Klingen und Singen, in Gottes Wunderwerk, in schönen Mädchen freundlichen Augenhimmel und überhaupt auch schöne Frauen schauen kann. Und diesmal und bei dieser Gelegenheit hoffe ich mit Zuversicht, wird sich mal wieder ein schöner Strauß solcher lieben Herr=Gottesblumen zusammen finden.

Wer nicht liebt

Wein, Weib und Gesang

Tag, Muße und der Geigen Klang

Der bleibt ein Narr

Sein Leben lang!

 

Nr. 2

Haydn’s Oratorien: Die Jahreszeiten und die Schöpfung,

aufgeführt in Düsseldorf.

Uriel bewegt den Sang

In himmlisch reinen Tönen

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Und lockte auch die Schönen.

Faust

 

Das Jansensche/Beckersche Gartenlokal, die erste Tonhalle

Vor Kurzem stand der Brief eines losen Vogels im „Hermann“ worin Alt und Jung auf die zu Düsseldorf zu Pfingsten aufzuführenden Oratorien aufmerksam gemacht wurde. Die Pfingsten, und diese musikalischen Aufführungen sind nun vorüber, und jeder, den jenen Brief einlud, und dem es viel versprach, muß und wird ihm, jetzt danken, und sagen, er hatte Recht, es ist soviel, es ist fast mehr gehalten, als versprochen. Indem ich mich bereite, Ihrer freundlichen Aufforderung nachzukommen, und Ihnen eine Darstellung dieses musikalischen Festes zu geben, weiß ich wirklich nicht, wo anfangen und wie endigen; - und wenn ich auch alles, alles so erzählen könnte, wie es war, - so haben sie es doch nicht – gehört! –

Wie viel Sinn und Liebe für Musik den Anwohnern des Rheins überhaupt, so aber auch besonders denen in den Bergen u. der Mark eigen sey, und nicht nur Sinn u. Liebe, sondern auch Talente von hohen Gaben, wissen wir alle und erfährt jeder bald, der zu uns kommt, - tritt jetzt aber vorzüglich glänzend hervor, wo, zur Ehre unserer Zeit, ein gemeinsames Streben wieder zu blühen beginnt, und man auch für Musick die Gaben, welche auf dem Einzelnen ruhen, zu einem schönen vollen Ganzen in Liebe und Einigkeit zu benutzen weiß. Es ist fast kein Ort des deutschen Landes, wo man nicht sogenannte Dilettanten der Musick findet, die auch mitunter lustig hin dilettiren, allein nur gar zu oft möchte man mit dem Meister singen:

Fliegenschnauz‘ und Mückennas‘

Mit ihren Anverwandten

Frosch im Laub u. Grill‘ im Gras

Das sind die Musikanten!

Doch nicht so ist es am Rhein und in unsern Bergen, und unsere Gaue dürfen sich in dieser Hinsicht wohl mit den Thüringern und denen an der Elbe bis ins Bohemerland hinein messen.

1818 Aufruf zum Gründungskonzert für den Musikverein und die Nieder- rheinischen Musikfeste 1818

Dieses uns allen schon bewußt, weniger aber jenseits den Bergen und überhaupt auswärts bekannt, trat wohl jedem zuerst, zu einer freudigen Gewißheit  geworden, damals entgegen, als im vorigen Jahr Hr. Schornstein zu Elberfeld auf gleichem gemeinsamen Wege die Aufführung zu Stande brachte. Welchen Genuß es uns bereitet, und wie dies Fest gelungen, hat uns damals auch der „Hermann“ erzählt, und wer Zuhörer gewesen, wird es nie vergeßen. Hr. Schornstein hat aber damals nicht nur die Schöpfung aufgeführt, sondern hat zugleich seinen Theil damit zur Schaffung eines Vereins beigetragen, der, wie er zu Pfingsten in Düsseldorf schönes u. großes geleistet, noch mehreres verspricht.

Zu jenem Feste waren Theilnehmer aus der Umgegend gezogen, und von dem, was durch eine Vereinigung der Einzelnen im Ganzen möglich, ergriffen, empfingen mehrere von ihnen den Gedanken an einen musikalischen Verein, eben so schnell aber auch darauf bedacht, denselben auszuführen.

Zu diesem geräuschlos gebildeten musikalischen Verein am Niederrhein, an dessen Spitze der öffentlichen Bekanntmachung den diesjährigen Aufführungen zu folge, die Herrn Wetschky, Appellationsrath v. Woringen u. Calculator Hauchecron zu Düsseldorf für dieses Jahr stehen, - gehört jeder, dem Gott eine Macht über Töne, sei es in eigener Kehle oder auf irgend einem Instrumente verliehen, und billig bleibt nur dem Nichtsvermögende oder Schnorrer und Kratzer aus der Innung ausgeschloßen. Welche Ordnung der Verein im Innern habe, ist noch zur Zeit unbekannt, seine Weise aber ist, wie wir bereits gesehen, etwas Ordentliches zu leisten, und da mag man mit Zufriedenheit auf die erstere zurückschließen; um so mehr, als die Absicht laut geworden, für jedes Jahr eine andere unter den Städten des Vereins zum Ort des Vereins und der Leistung zu nehmen. Von Gewinn am blanken Gelde ist auch keine Rede dabei, - desto leichter wird das Unternehmen fort bestehen; wohl aber soll, von etwaigen Uebertrage der Einnahmen für die Kosten, der armen Musicker u. das Talent unterstützt werden. - desto löblicher u. für sich selbst folgereicher wird das Unternehmen bleiben.

Doch – über den Verein soll, wie ich höre, nächstens von ihm selbst, Rechenschaft gegeben werden. Ich kann also hier abbrechen, und mich, wie sie es eigentlich wünschten zu der durch ihn zu Düsseldorf bewirkten Aufführung von des unsterblichen Haydn Oratorien wenden. Da ich aber nun selbst arm an Musick bin, so werde ich mich wohl hüten, eine kunstgemäße Kritick zu versuchen; will das gerne andern überlassen, und erzählen, was und wie ichs kann. Die Lücken in meiner Erzählung werden wohl auch durch jene Rechenschaft, von welcher ich eben sprach, ausgefüllt werden, und zunächst ist es wohl genug zu schildern, wie das Geleistete geleistet worden, und von dem was den Eindruck, den es auf den Unbefangenen machte.

Die Aufführung fand in einem Gartensaale vor der Stadt, wenn auch nicht den auskömmlichen, doch einen zweckmäßigen Raum, der aber dabei mit eben so viel Sorgfalt als Einsicht benutzt worden war. Vor allen hat die Einrichtung des Orchesters gefallen, das in zwei Absätzen sämmtliche Instrumente nach ihrer Wirkung und architektonischen Verhältnißen unter einander sehr glücklich vertheilt enthielt; der Chor, höher als alle Instrumente, stand hinter diesem, die Solostimmen vorne an. Der vorzügliche Ausdruck, den dadurch z.B. der Wechselgesang im Schlußchor der Jahreszeiten gewann, hat diese Einrichtung treflich bewährt. Sie gewährte dem Ohre alles und – was doch nicht unberichtet zu lassen, entzog dem Auge nicht nur nichts, sondern gab demselben durch leichten Ueberblick und Ordnung um so mehr Genuß, als die Sängerinnen des Chors in weißen einfachen Gewanden und im großen Halbkreise recht freundlich über das Geschwirre und Pfeifen und Klingen zu ihren Füßen herüber leuchteten. Mir war es im herrlichen Schlußchor des ersten Theils der Schöpfung, als müße der Chor sich bewegen, und wie die Chöre der glücklichen Vorzeit um die Bühne wandernd, des Herrn Lob verkündigen.

Daß ich aber auch nichts vergeße, weder Kleines noch Großes, so muß ich, neben der guten Erleuchtung und die zweckmäßige Benutzung des Raums, doch auch die Einlaßkarten erwähnen. Auch diese, sonst immer geringfügig behandelte Kleinigkeit beurkundete den Geschmack und die Sorge um alles der Unternehmer. Für die Jahreszeiten blau, für die Schöpfung freundlich roth, können sie in ihrer saubern und scharfen Ausführung ein Zeugniß von den Fortschritten der Steindruckerei zu Düsseldorf liefern; in den 4 Ecken sind die Jahreszeiten u. oben, ohne Anstoß, der große Schöpfungsmoment angedeutet.

Ueber die Theilnahme selbst aber, die das Unternehmen in unserer Klang und Sang reichen Umgegend gefunden hat, spricht folgendes Verzeichniß der Theilnehmenden am besten, das ich mir zu verschaffen wußte, und das als ein Maaßstab für die örtliche Liebe zur Sache und der Berücksichtigung der Entfernung interessant ist, das ich aber auch vollkommen mit des Meisters Wort eröffnen kann:

Gesellschaft wie man wünschen kann,

die hoffnungsvollsten Leute!

Plakat zum 1. Niederrheinischen Musikfest in Düsseldorf, das am 10. und 11.5.1818 im "Beckerschen Saale" durchgeführt wurde. 209 Mitwirkende brachten Haydns "Schöpfung" und "Jahreszeiten" zur Aufführung. Aus dieser Bewegung heraus gründete sich der Musikverein im Oktober 1818.

Aus Elberfeld und Barmen kamen 26 Sänger u. 18 Musicker, aus Kölln 9 Musicker und 9 Sänger, aus Neuß 3 Musicker, aus Duisburg 3 Musicker, aus Crevelt 2 Sänger u. 2 Musicker, aus Dortmund 2 Musicker, aus Lennep 1 Sänger, aus Bockum 1 Musicker, aus Aachen 1 Sänger 3 Musicker, aus Münster 2 Musicker, aus Cleve 3 Musicker, aus Moers 1 Musicker, aus Meersen 1, aus Schlebusch 1, aus Düsseldorf 58 Sänger und 54 Musicker. In allem 97 Sänger 103 Musicker. Zusammen 200. Aber ganz vollständig will ich das Verzeichniß nicht verbürgen, es mögen wohl einige fehlen.

Die Direction des Ganzen führte: Hr. Burgmüller, Herr Schornstein aus Elberfeld den Solosang am Flügel, Hr. Wetschky den Chor.

Die Solosingstimmen waren aber so besetzt: für den Sopran in den Jahreszeiten Fräul. v.d. Breck aus Elberfeld im Frühling, Frau Flemming aus Cölln im Sommer, Fräul. Friderichs aus D~dorf im Herbst, u. Fräul. Bongardt im Winter. Für die Schöpfung Fräul. Aders aus Elberfeld, Fräul. Bongard u. Fräul. Weber aus Elberfeld. Die Tenorstimmen gaben Hr. Kruse von Elberfeld u. die Hrn. von Woringen u. Remmertz aus D~dorf – den Baß aber sangen Hr. Körber von Aachen im Frühling u. Herbst u. II. Theil der Schöpfung, Herr Wetschky den Winter u. den Adam der Schöpfung, Hr. Fischer von Cölln im Sommer u. Hr. Scheibler v. Crevelt im ersten Theil der Schöpfung.

Warum aus Dortmund, der klangreichen alten Stadt, so wenige, warum überhaupt aus der Mark nicht mehrere? fragte ich u. wird mit mir mancher Leser fragen. – Den ich fragte, wußte nicht bestimmt zu antworten, allein wohl mögen die Entfernung u. die Jahreszeit, wo die Sänger oft über Stetten bauen den Sang vergeßen, die eigentliche Schuldfragen, denn es stehen jene niemanden, weder an Lust u. Liebe, noch an Kunst u. Gaben nach. Die Bahn ist gebrochen; war der erste Versuch schon so glücklich, was werden die folgenden sichern Schritte nicht gewähren? Ein ferneren Beweis der uns innewohnenden Liebe u. Lust zur Musick gab nun aber auch (der) vollgedrängte Saal, wo frische Luft ein vielbegehrtes Gut, die volle Stadt, wo kaum mehr Dach u. Fach zu erhalten war, denn aus Fern u. Nah strömte Alt u. Jung, vornehm u. zufrieden zusammen; noch am zweiten Tage kam ein Nachen voll Gäste aus dem fernen Mainz den alten Vater Rhein herab, und eine Blüte jugendlicher Mädchenwelt, ein so voller Strauß der schönen Herrgottsblumen, wie jener Schriftsteller sagt, war zu schauen, daß einem die Brust bald eng, bald weit ward, u. man nicht wußte, wohin mit Augen u. Ohren.

Bewunderndswerth war die Präcision u. die Sicherheit, mit welcher die Instrumentalbegleitung den Solostimmen folgte, sonst immer das, wofür ein solches Unternehmen noch Wünsche übrig läßt; die Chöre aber haben einen Eindruck hinterlaßen, für den ich keine Worte habe, sie waren ausgemacht das Beste im ganzen Guten. Hat man nicht in andern Sachen z.B. an den männlichen Solostimmen bald dies, bald jenes gefunden und getadelt, so wie denn auch dieser Theil der Ausführung der schwächste gewesen seyn mag, da der Tenor u. der Baß sich nicht geschont, sondern im Chor u. bei nächtlichen, den schönen Frauen gebrachten Serenaden, auf sich hinnein gestürmt hatte, so haben sich doch die Sopranstimmen u. von allen die Chöre Zufriedenheit, Dank u. Ueberraschung erworben. Um allen, die zugegen waren, einen Anklang zur freudigen Wiedererinnerung zu geben, darf ich nur aus den Jahreszeiten, den Ungewitter Chorgesang, des Jagdchor, von unübertreflicher Hornmusick unterstützt, den sehr schweren Weinchor, wo einem der trockene Mund doppelt beschwerlich fiel, u. das Duett „ Ihr Schönen aus der Stadt etc“ aus der Schöpfung aber den herrlichen Schlußchor des ersten Theils, sowie vorzugsweise alle Chöre nennen; - für den, der es nicht gehört, kann keine Rede und kein Wort verständlich werden.

Was in den Oratorien selbst liegt, ist überhaupt die Bemerkung, daß man aus den Jahreszeiten wohl Einzelheiten hervorzuheben vermag, aus der Schöpfung aber nichts anders, als den tiefen Eindruck eines herrlichen Ganzen mitnehmen kann. Bemerklich war jedoch vorzüglich die Wirkung der Chorstrophe:

Und Gott sprach, es werde Licht! – und es ward Licht! –

So wie der beiden gar süß und freudig gesungenen Arien: „Nun baut die Flur“ u. „In solcher Anmuth stehen“ etc.

Doch ich muß aufhören und fühle von neuem, daß man nicht mahl etwas herausheben kann, ohne gegen anderes ungerecht zu werden. Möge der Verein nicht nur fortbestehen, u. das soll er doch wohl hoffentlich, sondern auch immer mehr sich stärken und erkräftigen und vor allem uns bald wieder einen solchen Genuß schenken.

Nachdem ich Ihnen aber nun so viel von Andern erzählt habe, will ich auch etwas von mir selbst reden, was mir niemand übel nehme, - gar innig hat mich die Musick ergötzt, gar herzlich der Anblick so vieler schöner Frauen u. Jungfrauen erfreut – aber bei dem Rückblick auf alles wurde ich von dem Gedanken an unsern unsterblichen Haydn bewegt:

Du lieber Gott! Was so ein Mann

Nicht alles alles denken kann!

Beschämt nur steh‘ ich vor ihm da,

Und sag‘ zu allen Sachen – ja!

Bin doch ein arm unwissend Kind,

Begreife nicht, wie er das alles find’t.

Faust

Nr. 3

Correspondenz Nachrichten

Düsseldorf am 14ten May 1818

1818 - Originalbestuhlungsplan des "Jansenschen Gartensaales"  für die ersten großen Konzerte  im Jahre 1818 und hier für das 1. Niederrheinische Musikfest.

Sie klagen, wertester Freund, daß meine Briefe in sofern sie Tagesbegebenheiten beruhen immer magerer werden. Ich fühle das selbst wohl, indeß ist es nicht meine Schuld. Was einem jetzt hier begegnet, ist alles so unbedeutend, daß ichs des Beachtens und Mittheilens nicht für werth halte. Zudem komme ich größtentheils nur in sogenannte gute Gesellschaft, und da gleicht sich, Sie wissen es selbst, alles wie ein Ey dem anderen, einfarbig, einförmig, abgeschliffen und abgeklärt, mitunter kaum genießbar. Diesmal aber kann ich Ihnen meinen herzinniglichen Jubel mittheilen. Nach vielen Werktagsknödeleien endlich einmal ein Fest, ein Pfingstfest, - ein Fest des Geistes!

Der niederrheinische Musikverein gab nämlich unter Leitung des Herren Direktor Burgmüller am 10. u. 11. d(ieses Monats) in dem Jansischen Gartensaale zu Pempelfort Haydn’s Jahreszeiten u. die Schöpfung; eine würdige Feier dieser Tage, denn der große Meister war voll des Geistes, und redete in Zungen aller Welt verständlich. Auch hatten die hier versammelten Zungen – des Meisters hohen Sinn wohl erfaßt, und seine Begeisterung schien auch sie ergriffen zu haben.

Ihnen , mein lieber Freund, darf ich es gestehen, daß ich, wovon ich in einer Ragen, ich wohl schweigen würde, gegen die Meinung fast aller Tonkünstler der Schöpfung, als Kunstwerk, den Vorzug vor den Jahreszeiten gebe. Im künstlichen Contrapunkt haben allerdings einige Stellen des Chors der Jahreszeiten Vorzüge, die aber von der hohen Idee, die dem Chor der Schöpfung zum Grund liegt, u. von der großen Wirkung des letzern bei weitem überwogen werden, und auch bei den Soloparthien muß ich dasselbe Urtheil wiederhohlen.

Der meistens dürre und unlyrische Stoff der Jahreszeiten, eben so wie die prosaische Behandlung ihres epischen Theils mag wohl Schuld seyn, daß auch die höchste Kunst nicht überall befriedigt.

Die Bestätigung meines Urtheils finde ich darin, daß bei den wenigen halblyrischen Stellen auch die Musick auf mich ihre volle Macht ausübte.

Die Schöpfung hörte ich hier zum ersten Mahl, und ihr Eindruck wird nie in mir erlöschen.

Noch vernehm ich, wie im Chaos die gefesselten Kräfte klagen und ringen, wie das Unförmliche sich gestalten möchte, wie einzelne Lichtstrahlen auflodern, und wieder versinken in die Finsterniß.

Wie es wohl einem Blinden zu Muthe seyn mag, dem plötzlich sein Auge geöffnet wird, und der nun schaut, so glaube ich, war es mir, als es Licht ward.

Noch hör‘ ich die himmlischen Chöre lobsingend dem Herrn, - doch in der Fülle meiner Freude begehe ich die Thorheit, Ihnen beschreiben zu wollen, was sich nur fühlen läßt.

Lieber will ich Ihnen also ein Näheres über die Art der Ausführung jener beiden Oratorien erzählen.

Chor und Orchester bildeten eine Masse von etwa 200 Personen, mit vieler Umsicht bei der Stimmenbesetzung vertheilt, so daß immer das Ganze rein hervortrat, und kein Theil überwiegend war. Zugleich war die örtliche Anordnung so getroffen, daß was vom Componisten gesondert gedachte, sich auch als Gesondertes ausnahm, und wo das Ganze als Einheit wirken sollte, es auch also wirkte.

Der Vordergrund bildeten die Soloparthien, hinter welchen das Orchester, die schweren Blechinstrumente u. die Bässe in seiner Mitte aufgestellt war; den Hintergrund nahm der Chor ein. – das Ganze wurde in der That treflich gegeben; Chor und Orchester übertrafen alle Erwartung.

In den Soloparthien hat mich das männliche Personal nicht ganz so befriedigt, als das weibliche, und vorzugsweise kann ich Ihnen Dem. v.d.Beck (als Hanne im Frühling), Dem. Friederichs (als Hanne im Herbst) nennen. Alle aber übertraf Dem. Bongardts, die den Winter sang. An natürlicher Kraft der Stimme der beyden Erstern nachstehend, überwog sie durch richtiges Gefühl, Wahrheit der

Deklamation, und ächt musikalischem Vortrag. Dem. Aders, die im ersten Theil der Schöpfung den Gabriel sang, hat eine schöne, volle Stimme und einen einfachen, natürlichen Vortrag; Dem. Weber, als Eva, zeichnet sich ebenfalls durch Fülle der Stimme aus, und intonirt rein. Sie wurde von ihrem Adam, dem Hr. Wetschky, im Paradiese würdig begleitet.

Hätte Dem. Bongardt (Gabriel im zweiten Theil der Schöpfung) in der ersten Arie die zwei ersten Verse („auf starkem Fittige schwinget sich der Adler u.s.w.“) mit mehr Kraft vorgetragen, so würde sie nichts zu wünschen übrig gelassen haben, denn alles folgende sang sie wirklich bezaubernd. Ihr herrlicher Vortrag war gerade da am ergreifendsten, wo er gestützt von dem eben so schönen, als gehaltvollen Tenor des Hrn. v.Woringen u. dem festen Basse des richtig deklamirenden u. ächt musikalisch vortragenden Hrn. Körber, sich in lieblich schillernden Gesangeswogen bewegte.

Am richtigsten trugen auch sie und Hr. Körber die Rezitative vor, die leider von Deutschen in der Regel gesungen werden.

Bei der Leitung des Ganzen ist das Verdienst des Hn. Direkt. Burgmüller um so größer, als er nach wenigen Proben mit einem von allen Enden gesammelten Personal das leistete, was selten mit eingeübten, aneinander gewöhnten Orchester u. Chor in der Vollkommenheit gelingt. Es ist ein Beweis, mit welchem wirklich großen Talent, u. welcher Liebe für die Tonkunst die Natur den Herrn B. begabt haben muß, da ihm auch ein 30-jähriges Dirigiren bei Theatern von dem verschiedensten Personal, keinen Abbruch gethan hat.

Für die Muße der Zuhörer, von denen aber vielleicht nur der geringste Theil sich des Kunstgenußes wegen eingefunden hatte, war der Raum viel zu klein, da das Orchester beinahe die Hälfte des Saals einnahm. - Um mehr Raum zu schaffen, hatte man die Thüren des hinter dem Hauptsaale liegenden Salons ausgehoben, und an die ebenfalls ausgenommenen Gartenfenster des Saals eine bretterne Bude angebaut. Auch diese beiden Lokale waren gefüllt, und es ging mitunter recht laut darin her.

Die Hitze war drückend. Jeder fußbreit Lands wurde erkämpft. Unter anderem suchten einige Damen, diie überall den ersten Platz behaupten zu müßen glauben, als sie durch den Saal unmöglich so weit vordringen konnten, den Durchgang durch das Orchester zu erzwingen. Die Passage war etwas schwierig, sie mußten sich zum Rückzug entschließen, aber dadurch nicht muthlos, zogen sie Verstärkung an sich, und gelangten, nach einem neuen Sturme, glücklich an den erhofften vornehmen Posten.

Auch einige Ohnmachten verursachten eine augenblickliche Störung, durch alles dies zusammen, mag es dann wohl kommen, daß mir die Generalproben, denen ich beiwohnte, weit mehr zusagten, als die eigentliche Aufführung.

Aber nun denken Sie Sich! An demselben Abend, wo die Schöpfung gegeben war, veranstalteten die Mitglieder des Vereins ein Souper u. einen Ball! – Wie ich vernommen habe, war die Gesellschaft ziemlich zugleich, doch meist aus Freunden bestehend, und es wurde fleißig gesprungen u. getrunken. – Hätte man doch nur bis zum folgenden Tage gewartet; aber unmittelbar auf die Schöpfung Hopsewalzer u. Quadrillen, nein, nein, das war zu toll!

Ich muß gestehen, daß ich die Schönen, welche das Musickfest aus der Ferne hieher gelockt hatte, gern noch einmal versammelt gesehen hätte; es waren liebliche Jungfrauen darunter; und im Chor der Engel habe ich wirklich englische Gestalten bemerkt. Eine aber fesselte dort vor allen meine Blicke, und suchte ich Sie auch von ihr abzuwenden, so kehrten sie doch unwillkürlich zurück. Ein hohes schlankes Mädchen, in üppigen Locken wallte das dunkle Haar am Busen hinab. – Ach, sobald wird mir das herrliche Bild nicht entschwinden. –

Nun aber ist der Gesang verhallt, und die Sänger sind fortgezogen in die Ferne – Adieu!

Ihr Freund

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Rügen

In den in Nro 41 und 43 des „Hermann“ eingerückten Aufsätzen über die in Düsseldorf stattgefundene Aufführung der Oratorien, der Jahreszeiten und der Schöpfung von Haydn haben die Herren Verfasser sich die Freiheit genommen, die Mitglieder des Vereins, welche die Soloparthien übernommen hatten, namentlich aufzuführen, und über dieselben sogar ein Urtheil zu fällen. Wenn es auch Jedem frei steht, über öffentliche Aufführungen, und über die, welche solche geleistet, zu reden, so muß doch jeder Feinfühlende es die Delicatesse höchst beleidigend findet, wenn in öffentlichen Blättern die Bescheidenheit der Mitglieder eines Vereins, insbesondere zarter Jungfrauen, auf solche Art verletzt wird, und es kann, meines Erachtens, die dadurch gegen sämtliche Genannte außer Augen gesetzte schuldige Achtung keinen vortheilhaften Begriff von dem Zartgefühl der Herren Verfasser geben. Ueber alle bestehenden Vereine früher in Deutschland gegebene Aufführungen sind öffentliche Rezensionen erschienen, indeß ist mir nicht bekannt, daß jemand die Theilnehmenden, in sofern sie Dilettanten waren, öffentlich genannt hätte, ja, ich habe wohl gelesen, wie Verfasser solcher Aufsätze sich geäußert, daß die Bescheidenheit ihnen verbiete, einzelne zu nennen, oder sich über dieselben ein Urtheil zu erlauben. Das Schlimmste dabei ist, daß den in jenen Aufsätzen für die fernere Fortdauer und das Emporkommen des Vereins geäußerten Wünschen dadurch selbst ein Hinderniß in den Weg gelegt wird, indem es jedem unangenehm seyn muß für das Mitwirken zur Ausführung großer Werke in einem öffentlichen Blatte zu prangen, und dies manchen abhalten könnte für die Zukunft sich solchen Äußerungen, sie seyen nur belobend oder tadelns, blos zu stellen. Es thut mir leid, daß die Verfasser bei ihrer gewiß guten Absicht, dieses nicht bedachten, denn obschon viele den Wunsch äußerten, über jene Aufführungen eine Rezension erscheinen zu lassen, so glaubte doch keiner, daß das Unternehmen und der herrliche Verein kaum bestehend, auf solche Weise empfindlich leiden würde.

 

Ein Mitglied des musikalischen Vereins am Niederrhein

 

Was mag das für ein Mitglied doch wohl sein?

Ob ich es nennen darf, ich mein

Recht wär es nicht. Ich mach‘ es fein.

In kurzem soll es bekannt schon seyn.

Nicht wahr, es hat es gut gemacht

Gewiß im deutschen Styl recht weit gebracht.

Es ist – schon wissen Sie den festen Namen

Nicht eher doch, bis Sie zu diesem Verse kamen.

 

 

(links seitlich)

Da die Jungfer Schmitz die Güte hatte diese 3 Aufsätze für Sie mitzunehmen und mir die Muße fehlte, den vierten noch dazu zu schreiben, so werde ich Ihnen diesen in dem künftigen Briefe meiner Schwester zuschicken.

Ihr Jacob